Kurz nachdem ich meine Liebsten verabschieden musste und zum ersten Mal mein Projekt betreten habe, war der Satz „Welcome to the CPS- family“ das Erste, das ich gelesen habe. Mit den Gedanken noch in Deutschland waren das jedoch nur leere Worte für mich.
Allgemeines:
Ich habe das Glück, in der Children’s Protection Society (kurz: CPS) arbeiten zu dürfen. Grob zusammengefasst ist es ein Heim für Kinder, die aus verschiedensten Gründen nicht mehr in ihrem ursprünglichen Zuhause, bei ihrer eigenen Familie, leben können. So hat jedes Kind seine eigene Geschichte, die hier auf einem öffentlichen Blog und aus Respekt vor den Kindern natürlich nichts zu suchen hat. Also halte ich mich an die Webside, bei der von „neglected and/or abandoned children“, also vernachlässigten und verlassenen Kindern, die Rede ist.
Die Kids sind hauptsächlich indisch, zwischen 5 und 18 Jahren alt, aufgeteilt in 2 verschiedene Gebäude, die „Shelter“ genannt werden. Mein Aufgaben- und Arbeitsbereich liegt in Shelter 1, in dem die kleinen Kinder sowie die großen Mädchen leben. Die 3 Kleinsten sind 5 und 6 Jahre alt, der Hauptteil jedoch ist zwischen 8 und 11. Die großen Mädchen sind zwischen 13 und 18 Jahre alt, wobei ich eher mit ihnen befreundet bin und hauptsächlich als Frisurenpuppe hinhalte. Bei ihnen ist es natürlich nicht notwendig, erzieherische Maßnahmen zu ergreifen, zumal sie sowieso rund um die Uhr mit der Schule beschäftigt sind.
Direkt gegenüber ist Shelter 2, der Wohn- und Schlafplatz für die älteren Jungs, an dessen Seite mein Zimmer liegt.
The Children’s Protection Society is a non- profit, non-governmental organization catering to the need of neglected and/or abandoned children in Penang.
The objectives of CPS are both immediate and longer- term. The immediate objective is to provide children at risk with a safe, supportive environment (Shelter). Here, the focus is on the emotional and physical development of each individual child, together with the enhancement of their educational, social and recreational skills. At the same time, trough home visits, CPS works with parents and other family members, so the child can eventually be re-united with his/her family. In the longer term, we hope to develop alternative options for each child’s future.
Obwohl das Projekt nur eine kleine Gasse von einer stark befahrenen Hauptstraße entfernt ist, genieße ich das viele Grün. Der große Vorteil ist natürlich, dadurch eine tolle Abwechslung zum Großstadtfeeling zu haben – die vielen Moskitos, komischen Riesenechsen, Affen oder angeblichen Schlangen wie Kobra und Python (mit denen ich zum Glück noch keine Erfahrungen gemacht habe) sind weniger angenehme, wenn auch aufregende Nebenerscheinungen. Jabad, unser zugelaufener Hahn, gibt mir sogar ein wenig Heimatgefühl nach Malaysia.
| Shelter 1, mein Arbeitsplatz |
| Der Blick von Shelter 1 auf Shelter 2, an dessen Seite mein Zimmer ist |
| Der Eingang: links ist Shelter 2, rechts Shelter 1 |
Mein Tagesablauf:
Weniger spannend, aber dennoch Teil meiner Arbeit, ist es, Dienstag bis Donnerstag, morgens um 9 Uhr, die Böden zu kehren und zu wischen, was dann ca. eine Stunde in Anspruch nimmt. Zwar nicht gerade die Arbeit, die man sich bei einem Freiwilligendienst in Malaysia vorstellt, aber bis jetzt macht es mir absolut nichts aus. Anschließend bringe ich die Zeit mit lesen, malen oder erneutem Schlafen rum, bis um halb 2 meine „richtige“ Arbeit beginnt, da die Kinder von der Schule bzw. dem Kindergarten zurück sind.
So ist es kein Wunder bei dem Wetter hier, dass zuerst einmal geduscht werden muss. Meine Aufgabe dabei ist es, das die Kinder auch wirklich duschen und nicht nur mit der Seife und dem Wasser spielen und allzu viel Blödsinn machen - ansonsten würde das bei so vielen Kindern im Chaos enden und Stunden dauern. Um nicht verschwenderisch zu sein, habe ich die Ehre, das Shampoo zu verteilen. Bei der Kleinsten bin ich dran mit Einschäumen, damit sie auch wirklich sauber werden.
Danach geht’s ab zum Lunch, wo jeder neu eintreffenden Person ein „Join us! Thank you! Join us!“ entgegengerufen wird. Auch hier muss man die Kinder immer wieder ermahnen, neben dem Gequassel und Tagträumen nicht das Essen zu vergessen. Die Hausaufgaben warten ja schließlich schon…
Versteht mich bitte nicht falsch - die Strenge, was Schnelligkeit etc. angeht, geht nicht von mir aus – jedoch muss ich mich den Ansprüchen der Aunties anpassen. Da viele Kinder aufgrund ihrer Vergangenheit für ihr Alter sehr lernschwach sind und da Bildung nun mal wirklich der Schlüssel für eine gute Zukunft ist, kann ich die Aunties in dieser Hinsicht sogar etwas verstehen. Wenigstens sind inzwischen die Handlungsabläufe Routine für mich geworden, sodass ich glücklicherweise doch mal Zeit, Energie und vor allem Nerven dazu habe, neben dem „faster, faster!“ etwas Spaß und Entspanntheit einzubauen. Und noch viel wichtiger: den Kids zuzuhören, was ich unglaublich wichtige finde und neben allem Anderen hier leider viel zu kurz kommt.
Mit vollem Magen beginnt dann auch nun endlich das, weswegen die Kinder zur Schnelligkeit gedrängt werden: die Hausaufgaben. Hier besteht die Herausforderung schon mal darin, die Kinder dazu zu bringen, sich auf ihre Tische zu setzen, die Workbooks rauszuholen und nicht ständig wegen irgendwelchen Ausreden aufzustehen und am liebsten nie wiederzukommen. Da natürlich die Hälfte ihren Bleistift, Lineal oder den Radiergummi verloren hat, gibt’s genug Gründe, umherzulaufen und dabei andere vom Lernen abzuhalten.
Sitzen sie dann endlich auf ihren Stühlen und schauen nur 5 Minuten ins Buch, ist der Kampf gegen die Müdigkeit angesagt: Ein paar Hampelmänner oder das Gesicht mit kaltem Wasser waschen sind dabei Methoden, die helfen - wenn auch nur kurzzeitig. Um ehrlich zu sein, kann ich mich dabei nur allzu gut in die Kinder hineinversetzten. Wer mich kennt, weiß, dass vor allem bei mir ein Mittagsschläfchen (das auch schon mal bis um 18Uhr gehen konnte) nach der Schule unverzichtbar war. Umso mehr kann ich die Kinder verstehen und würde sie am liebsten schlafen lassen, aber Lernen muss eben sein…obwohl ich es dann ab und an dann doch übersehe, wenn ein Kind bei den Hausaufgaben eingeschlafen ist.
Zusammen mit mir am Tisch sitzen die 2 kleinsten Kinder, Vithusha und Janaa, die 5 und 6 Jahre alt sind. Obwohl sie noch in den Kindergarten gehen, können sie ihre Rucksäcke voller Bücher kaum tragen. Leider sind das keine Malbücher, sondern Mathe-, Englisch-, Bahasa Melayu-, Chinesisch- und Scienebücher. Auf Erstere, die sich echt schon als mein kleiner Liebling entpuppt hat, bin ich aber unglaublich stolz (obwohl sie mich in den ersten Wochen zum Wahnsinn getrieben und es noch nicht einmal hinbekommen hat, ein einfaches „v“ zu schreiben) Seit ich hier bin, hat sie sich schon wahnsinnig weiterentwickelt und ist begeistert bei den Hausaufgaben dabei. Auch außerhalb der „Lernzeit“ buchstabiert sie mir freudig pig, pen, pup, rat, red, dog, cat, cow und love. Bei manch anderen Spezialisten ist es dann doch schwieriger, die spaßige Seite des Lernens zu übermitteln.
Zu Beginn war es etwas gewöhnungsbedürft, dass bereits von den Kleinsten so ein riesen Pensum an Lernstoff und Disziplin verlangt wird. Daran muss ich mich jedoch anpassen- der unglaubliche Leistungsdruck in Kindergarten und Schule lässt nicht zu, lockerer zu sein. Hinzu kommt, dass bereits mit 5 Jahren nur auswendig gelernt und kaum Wert darauf gelegt wird, dass die Kleinen durch Sprache und Bewegung – eben durch Erleben, Verhalten und Handeln, lernen.
Bewundernswert ist aber, wie viele Sprachen die Kinder beherrschen – und das nicht zuletzt, weil Malaysia so ein multikulturelles Land ist. Meine Kleine lernt im Kindergarten Chinesisch, Englisch und Bahasa Melayu. In der CPS spricht sie Tamil und Englisch (nicht nur ich spreche mit den Kids Englisch, auch die Aunties sollten das verfolgen). Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer wäre begeistert! Nicht zuletzt, weil Computer- & Fernsehzeiten stark limitiert bzw. so gut wie nicht vorhanden sind.
Die Tea- Time, die es ungefähr um halb 5 gibt, erlöst die Kinder schließlich von den Hausaufgaben. Anschließend wird die Kleidung gefaltet, was der Einfachheit halber hauptsächlich von mir erledigt wird. Bis sie diese abgeholt haben und ihre Pflichten wie Müll ausräumen, Wischen etc. erfüllt sind, vergeht dann doch mehr Zeit und Stimme als gewollt. Danach ist aber Playtime angesagt, mittwochs und freitags sogar draußen. Wegen der Haze, der schlimmen Luftverschmutzung durch die illegale Rodung der Wälder Indonesiens wurde das die letzte Zeit leider unmöglich, inzwischen wird es aber wieder besser und ab und an, in einem seltenen glücklichen Moment, kann man ein Stückchen blauen Himmel sehen.
Den Part des Tages stellt man sich vermutlich am Besten vor, in der Realität ist er aber der Stressigste - es vergeht kein Tag ohne Streitereien oder sonstigen Ausschreitungen. Da die Älteren wirklich den ganzen Tag über Nachhilfe haben und lernen, müssen die Kleinen dementsprechend leise sein und können sich wenig austoben. Mal ganz abgesehen davon, dass jedes Spiel ohne Aufsicht in einem Massaker enden würde. Ungefähr 20 Kinder dauerhaft auf einem Haufen - das ist nicht immer Friede Freude Eierkuchen. Spiele werden unglaublich ernst genommen, sodass in jeder Ecke „Sister Juliaaaaaaaaa“ geschrien wird und ich mir die verschiedensten und Beschwerden anhören darf. „Sisteeeeer, he pushed meeeee“, „He is cheatiiiiing!“, oder das gierige „I want! I want!” sind Standartsätze. Eskalationen waren am Anfang nicht ausgeschlossen, inzwischen habe ich jedoch einige wirksame Methoden entwickelt. Inspiriert vom legendären Schweigefuchs müssen vor dem Spiel alle Kinder vor mir stehen und den Zeigefinger vor den Mund halten. Erst, wenn alle ruhig sind und ihre erwartungsvollen Blicke auf mich richten, wird angefangen. Danach folgt meinte Standartrede, nicht zu schlagen, schubsen, kneifen, schreien, das Spiel nicht zu ernst zu nehmen, zu Teilen (wenn es um Malen oder Puzzeln geht) und einfach Spaß zu haben. An der Stelle nochmal ein riesen Danke für die Malbücher und Puzzles! Werden immer eingesetzt, wenn ich die übermäßige Lautstärke nicht aushalte. Habe ich das Gefühl, dass sie sich auspowern müssen, wird „Freeze“ gespielt. Einfach beschrieben: Alle Tanzen wie verrückt umher, wenn die Musik anhält, müssen sie „gefrieren“. Weil sie das Tanzen so lieben, bin ich gerade auch dabei, ihnen eine Choreografie zu Waka Waka beizubringen. Falls ihr noch Ideen habt für geeignete Spiele habt (was zugegebenermaßen für meine Kids schwer ist zu finden- Reise nach Jerusalem endete in einem einzigen Chaos), immer her damit, ich bin über jeden Tipp dankbar!
Wie schon von mir bereits dezent angedeutet, besteht bei den Kids großes Konfliktpotential. Wenn ich genauer darüber nachdenke, ist das sogar verständlich – die Kinder haben keine leichte Zeit. Getrennt von ihren Familien hat jedes Einzelne seine/ihre eigene Geschichte. Sie sind nicht nur unterschiedlich alt und lernstark, sie haben auch alle unglaublich unterschiedliche Persönlichkeiten. Da haben wir den Raufbold, die Schüchterne, den Boss, die Petze, die Außenseiterin,… Über jedes einzelne Kind könnte ich Romane schreiben, aber weil der Post schon viel zu lang ist und das außerdem auch nichts im Internet zu suchen hat, beschränke ich mich auf die einfache Charakterisierung, die dem Einzelnen natürlich so grob auch nicht gerecht wird.
So muss bei den zahlreichen Konfliktsituation entscheiden, wer lügt und wer die Wahrheit sagt. Wer erzählt Märchen, wer hat die Tat wirklich beobachtet? Wer ist Opfer, wer Täter? Was ist wirklich passiert? Erstversorgung, Tatortanalyse, Zeugenbefragung, Rekonstruktion des Tathergangs und Entscheidung der anschließenden Konsequenzen gehören zu meinem „Daily Business“, bis um 19 Uhr das Dinner ansteht.
Die Zeit danach hängt unglaublich stark von dem Night Staff ab, der gerade Schicht hat. Optimalfall: Alle kehren auf ihre Plätze zurück und lernen. Realität: Jeder macht, was er will… naja, versucht es zumindest.
So genieße ich das E-Learning, was ich von Mittwoch bis Freitag nach dem Dinner mit ihnen mache. Das heißt, ich nehme Laptop und Beamer in einen seperaten Raum, das „Learning Center“, und bin ganz frei darin, was ich mache. Mittwochs sind die Kleinen und die Slow Learner dran, Donnerstag die 8-11 Jährigen. Freitags zeige ich allen eine Geschichte und bespreche anschließend den moralischen Wert dahinter. Dabei stehen mir viele veraltete Videos in Form von Liedern etc. zur Verfügung, die ich aber immer weniger nutze. So habe ich die letzten Wochen den Kids die Jahreszeiten näher gebracht. Natürlich lieben alle den Winter, können den Wechsel der Jahreszeiten kaum glauben und reagieren begeistert mit „Wooooow! Magic!“ Für die nächsten Wochen habe ich vor, die Weltkarte und die englischen Vergangenheitsformen mit ihnen zu behandeln. Den Kleinsten versuche ich dann eben Farben, das ABC oder simple, themenspezifische Vokabeln mithilfe animierter Videos näher zu bringen.
Um halb 9 bringe ich dann schließlich die Kleinsten ins Bett, sage „Good Night!“ und gehe zurück in mein Zimmer.
Die Erziehungsmethoden:
Erst einmal haben die Aunties, die hier arbeiten, alle in gewisser Weise ihren eigenen Stil – sind dementsprechend mehr oder weniger streng bzw. dominant. So ziehen nicht immer alle an einem Strang, was die Kinder natürlich merken, ausnutzen und je nach Person unterschiedlich in ihrem Verhalten sind. Alles in allem aber herrscht hier ein sehr autoritärer Erziehungsstil, der viel auf Bestrafung (leider auch Bestrafung 1. Art) basiert; und anders kennen es die Kinder auch nicht.Das Traurigste dabei ist, dass die Kinder nur den Menschen Respekt zeigen, vor denen sie aufgrund strenger und harter Strafen Angst haben. Für Menschen wie mich, die gut zu ihnen sind, zeigen sie keinen Respekt und damit in meinen Augen kaum Dankbarkeit. Ein Punkt, der mich je nach Tagesform immer öfter verzweifeln lässt und oft sehr wütend macht (obwohl ich weiß, dass es nur Kinder sind und es nicht auf alle zutrifft).
Theoretisch weiß ich, wie es richtig geht – ich hatte Pädagogik und Psychologie als Profilfach und kann entweder in meinem Kopf oder eben schriftlich auf das Wissen zugreifen. Ich weiß die grundlegenden Dinge, das Kontingenzschema, positive und negative Punkte unterschiedlicher Erziehungsmaßnahmen und Stile. Bedingungen der Verstärkung à la Kontingenz, Kontinuität, Reihenfolge, Wiederholung,… aber auch Nebenwirkungen von Strafe (Selbstwertgefühl wird neg. beeinflusst, Passivität, negative Beziehungsebene entsteht, kann auch Verstärker sein (Bedürfnis nach Beachtung), Nachahmung) Ja, viel PP-Gerede… ich hätte nie gedacht, dass ich all das so sehr im Alltag gebrauchen kann und wirklich die Erziehung mehrerer Kinder übernehmen muss.
Das alles in einer anderen Kultur, am anderen Ende der Welt, anzuwenden, ist jedoch schwerer als gedacht. Wie soll man die Kinder nach Werten, Normen und Verhaltensregeln erziehen, die man selbst noch nicht kennt und erkunden muss? Hier ist es zum Beispiel normal, mit den Händen zu essen - in Deutschland wäre das undenkbar. Ebenso Teil der neuen Kultur ist die Art und Weise der Erziehung. Inzwischen habe ich akzeptiert, dass es unmöglich ist, den Erziehungsstil im Allgemeinen hier zu verändern. Eine große Herausforderung für mich ist jedoch, dass die Kinder mich respektieren und auf mich hören, obwohl ich keine Gewalt anwende. Die Kids auf die Seite nehmen, mit ihnen reden, loben wenn sie etwas gut machen etc. zieht nicht die Früchte, wie es vermutlich in Deutschland der Fall wäre– denn leider kennen die Kinder hier oft nur den Respekt, der auf Angst basiert. Da ich inzwischen aber auch oft alleine mit den Kids bin, sei es im Alltag oder sogar auf Ausflügen, müssen die Kinder auf mich hören.
Bis jetzt fällt es mir schwer, die Balance zwischen Geduld und Strenge zu finden. Hinzu kommt, dass es „besondere“ Kinder sind, die es sicherlich nicht immer leicht im Leben hatten. Gerade deshalb und weil sie in einem Alter sind, in dem sie viel von uns abschauen und wir ihr Modell sind, bemühe ich mich immer, mein Erzieher- bzw. Modellverhalten zu überdenken. Inwieweit kann und soll ich mich der Kultur hier anpassen? Bis zu welchem Grad soll ich abstumpfen, für meine eigene Psyche aber auch als Rücksicht zu den Kindern? Wo ist die goldene Mitte zwischen Strenge und Geduld, um respektiert zu werden? Ich habe ja bereits schon einige Methoden, die sich für mich als wirkungsvoll herausgestellt haben, beschrieben – obwohl sie je nach Tagesform mal besser, mal schlechter funktionieren.
Alles in allem bin ich aber unglaublich glücklich und dankbar über meine Projektplatzierung. Es ist super zu spüren, dass ich gebraucht werde und etwas zu tun habe, so stressig und nervenaufreibend es sein kann. Ich bekomme hier die Chance, wirklich etwas zu bewirken und habe es zu meinem hoffentlich nicht zu hoch gesteckten Ziel gemacht, etwas Bleibendes in den Köpfen der Kinder zu hinterlassen. Damit kann ich zwar nicht die Welt retten oder das Schul- bzw. Erziehungssystem in Malaysia ändern, aber ich kann den Kindern eine schöne Zeit bereiten. Obwohl im Alltag der Stress im ersten Augenblick präsenter ist, habe ich unglaublich viele schöne Momente, an denen ich merke, dass sich all das lohnt. Neben den Streitereien kann ich den Kindern letztendlich trotzdem zuschauen, wie sie ausgelassen tanzen, spielen und lachen. Trotz den anfänglichen Schwierigkeiten, die Malstifte und das Malbuch zu teilen, zeigen sie mir letztendlich dennoch stolz das in Teamarbeit ausgemalte Bild.
Die traurigen Blicke und panische Fragen, wo ich hingehe, wenn ich am Wochenende in die Stadt fahre und die Umarmungen, wenn ich abends wieder zurück bin; die Küsschen auf die Wange, die gebastelten Karten für mich, auf denen dann auch schon mal ein „Sorry Sister Julia“ steht oder von der Kleinsten sogar zu hören „I Vithusha, you Amma“ (Amma ist malaiisch und bedeutet Mutter) sind all das hier Wert. Ich hätte echt nicht gedacht, dass mir die Kinder (obwohl sie nicht selten kleine Monster sein können) so sehr ans Herz wachsen, sodass ich gar nicht daran denken mag, irgendwann nicht mehr ein Teil ihres Lebens zu sein und nicht mitzubekommen, was aus ihnen wird.
Bereits nach 3 Monaten ist mir bewusst, was der Satz „Welcome to the CPS- family“ für eine große Bedeutung hat. Inzwischen ist es nicht nur mein Projekt, sondern ein Zuhause für mich geworden. Es sind nicht nur irgendwelche Kinder und fremde Aunties- es ist eine große, verrückte und chaotische Familie, die trotz vieler Schwierigkeiten zusammenhält.
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