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28. Oktober 2015

#day91: "Welcome to the CPS- family"


Kurz nachdem ich meine Liebsten verabschieden musste und zum ersten Mal mein Projekt betreten habe, war der Satz „Welcome to the CPS- family“ das Erste, das ich gelesen habe. Mit den Gedanken noch in Deutschland waren das jedoch nur leere Worte für mich. 


Allgemeines:


Ich habe das Glück, in der Children’s Protection Society (kurz: CPS) arbeiten zu dürfen. Grob zusammengefasst ist es ein Heim für Kinder, die aus verschiedensten Gründen nicht mehr in ihrem ursprünglichen Zuhause, bei ihrer eigenen Familie, leben können. So hat jedes Kind seine eigene Geschichte, die hier auf einem öffentlichen Blog und aus Respekt vor den Kindern natürlich nichts zu suchen hat. Also halte ich mich an die Webside, bei der von „neglected and/or abandoned children“, also vernachlässigten und verlassenen Kindern, die Rede ist.
Die Kids sind hauptsächlich indisch, zwischen 5 und 18 Jahren alt, aufgeteilt in 2 verschiedene Gebäude, die „Shelter“ genannt werden. Mein Aufgaben- und Arbeitsbereich liegt in Shelter 1, in dem die kleinen Kinder sowie die großen Mädchen leben. Die 3 Kleinsten sind 5 und 6 Jahre alt, der Hauptteil jedoch ist zwischen 8 und 11. Die großen Mädchen sind zwischen 13 und 18 Jahre alt, wobei ich eher mit ihnen befreundet bin und hauptsächlich als Frisurenpuppe hinhalte. Bei ihnen ist es natürlich nicht notwendig, erzieherische Maßnahmen zu ergreifen, zumal sie sowieso rund um die Uhr mit der Schule beschäftigt sind.
Direkt gegenüber ist Shelter 2, der Wohn- und Schlafplatz für die älteren Jungs, an dessen Seite mein Zimmer liegt.
The Children’s Protection Society is a non- profit, non-governmental organization catering to the need of neglected and/or abandoned children in Penang.
The objectives of CPS are both immediate and longer- term. The immediate objective is to provide children at risk with a safe, supportive environment (Shelter). Here, the focus is on the emotional and physical development of each individual child, together with the enhancement of their educational, social and recreational skills. At the same time, trough home visits, CPS works with parents and other family members, so the child can eventually be re-united with his/her family. In the longer term, we hope to develop alternative options for each child’s future.

Obwohl das Projekt nur eine kleine Gasse von einer stark befahrenen Hauptstraße entfernt ist, genieße ich das viele Grün. Der große Vorteil ist natürlich, dadurch eine tolle Abwechslung zum Großstadtfeeling zu haben – die vielen Moskitos, komischen Riesenechsen, Affen oder angeblichen Schlangen wie Kobra und Python (mit denen ich zum Glück noch keine Erfahrungen gemacht habe) sind weniger angenehme, wenn auch aufregende Nebenerscheinungen. Jabad, unser zugelaufener Hahn, gibt mir sogar ein wenig Heimatgefühl nach Malaysia.

Shelter 1, mein Arbeitsplatz
Der Blick von Shelter 1 auf Shelter 2, an dessen Seite mein Zimmer ist
Der Eingang: links ist Shelter 2, rechts Shelter 1



Mein Tagesablauf:


Weniger spannend, aber dennoch Teil meiner Arbeit, ist es, Dienstag bis Donnerstag, morgens um 9 Uhr, die Böden zu kehren und zu wischen, was dann ca. eine Stunde in Anspruch nimmt. Zwar nicht gerade die Arbeit, die man sich bei einem Freiwilligendienst in Malaysia vorstellt, aber bis jetzt macht es mir absolut nichts aus. Anschließend bringe ich die Zeit mit lesen, malen oder erneutem Schlafen rum, bis um halb 2 meine „richtige“ Arbeit beginnt, da die Kinder von der Schule bzw. dem Kindergarten zurück sind.
So ist es kein Wunder bei dem Wetter hier, dass zuerst einmal geduscht werden muss. Meine Aufgabe dabei ist es, das die Kinder auch wirklich duschen und nicht nur mit der Seife und dem Wasser spielen und allzu viel Blödsinn machen - ansonsten würde das bei so vielen Kindern im Chaos enden und Stunden dauern. Um nicht verschwenderisch zu sein, habe ich die Ehre, das Shampoo zu verteilen. Bei der Kleinsten bin ich dran mit Einschäumen, damit sie auch wirklich sauber werden.
Danach geht’s ab zum Lunch, wo jeder neu eintreffenden Person ein „Join us! Thank you! Join us!“ entgegengerufen wird. Auch hier muss man die Kinder immer wieder ermahnen, neben dem Gequassel und Tagträumen nicht das Essen zu vergessen. Die Hausaufgaben warten ja schließlich schon…
Versteht mich bitte nicht falsch - die Strenge, was Schnelligkeit etc. angeht, geht nicht von mir aus – jedoch muss ich mich den Ansprüchen der Aunties anpassen. Da viele Kinder aufgrund ihrer Vergangenheit für ihr Alter sehr lernschwach sind und da Bildung nun mal wirklich der Schlüssel für eine gute Zukunft ist, kann ich die Aunties in dieser Hinsicht sogar etwas verstehen. Wenigstens sind  inzwischen  die Handlungsabläufe Routine für mich geworden, sodass ich glücklicherweise doch mal Zeit, Energie und vor allem Nerven dazu habe, neben dem „faster, faster!“ etwas Spaß und Entspanntheit einzubauen. Und noch viel wichtiger: den Kids zuzuhören, was ich unglaublich wichtige finde und neben allem Anderen hier leider viel zu kurz kommt.
Mit vollem Magen beginnt dann auch nun endlich das, weswegen die Kinder zur Schnelligkeit gedrängt werden: die Hausaufgaben. Hier besteht die Herausforderung schon mal darin, die Kinder dazu zu bringen, sich auf ihre Tische zu setzen, die Workbooks rauszuholen und nicht ständig wegen irgendwelchen Ausreden aufzustehen und am liebsten nie wiederzukommen. Da natürlich die Hälfte ihren Bleistift, Lineal oder den Radiergummi verloren hat, gibt’s genug Gründe, umherzulaufen und dabei andere vom Lernen abzuhalten.
Sitzen sie dann endlich auf ihren Stühlen und schauen nur 5 Minuten ins Buch, ist der Kampf gegen die Müdigkeit angesagt: Ein paar Hampelmänner oder das Gesicht mit kaltem Wasser waschen sind dabei Methoden, die helfen - wenn auch nur kurzzeitig. Um ehrlich zu sein, kann ich mich dabei nur allzu gut in die Kinder hineinversetzten. Wer mich kennt, weiß, dass vor allem bei mir ein Mittagsschläfchen (das auch schon mal bis um 18Uhr gehen konnte) nach der Schule unverzichtbar war. Umso mehr kann ich die Kinder verstehen und würde sie am liebsten schlafen lassen, aber Lernen muss eben sein…obwohl ich es dann ab und an dann doch übersehe, wenn ein Kind bei den Hausaufgaben eingeschlafen ist.
Zusammen mit mir am Tisch sitzen die 2 kleinsten Kinder, Vithusha und Janaa, die 5 und 6 Jahre alt sind. Obwohl sie noch in den Kindergarten gehen, können sie ihre Rucksäcke voller Bücher kaum tragen. Leider sind das keine Malbücher, sondern Mathe-, Englisch-, Bahasa Melayu-, Chinesisch- und Scienebücher. Auf Erstere, die sich echt schon als mein kleiner Liebling entpuppt hat, bin ich aber unglaublich stolz (obwohl sie mich in den ersten Wochen zum Wahnsinn getrieben und es noch nicht einmal hinbekommen hat, ein einfaches „v“ zu schreiben) Seit ich hier bin, hat sie sich schon wahnsinnig weiterentwickelt und ist begeistert bei den Hausaufgaben dabei. Auch außerhalb der „Lernzeit“ buchstabiert sie mir freudig pig, pen, pup, rat, red, dog, cat, cow und love. Bei manch anderen Spezialisten ist es dann doch schwieriger, die spaßige Seite des Lernens zu übermitteln.
Zu Beginn war es etwas gewöhnungsbedürft, dass bereits von den Kleinsten so ein riesen Pensum an Lernstoff und Disziplin verlangt wird. Daran muss ich mich jedoch anpassen- der unglaubliche Leistungsdruck in Kindergarten und Schule lässt nicht zu, lockerer zu sein. Hinzu kommt, dass bereits mit 5 Jahren nur auswendig gelernt und kaum Wert darauf gelegt wird, dass die Kleinen durch Sprache und Bewegung – eben durch Erleben, Verhalten und Handeln, lernen.
Bewundernswert ist aber, wie viele Sprachen die Kinder beherrschen – und das nicht zuletzt, weil Malaysia so ein multikulturelles Land ist. Meine Kleine lernt im Kindergarten Chinesisch, Englisch und Bahasa Melayu. In der CPS spricht sie Tamil und Englisch (nicht nur ich spreche mit den Kids Englisch, auch die Aunties sollten das verfolgen). Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer wäre begeistert! Nicht zuletzt, weil Computer- & Fernsehzeiten stark limitiert bzw. so gut wie nicht vorhanden sind.
Die Tea- Time, die es ungefähr um halb 5 gibt, erlöst die Kinder schließlich von den Hausaufgaben. Anschließend wird die Kleidung gefaltet, was der Einfachheit halber hauptsächlich von mir erledigt wird. Bis sie diese abgeholt haben und ihre Pflichten wie Müll ausräumen, Wischen etc. erfüllt sind, vergeht dann doch mehr Zeit und Stimme als gewollt. Danach ist aber Playtime angesagt, mittwochs und freitags sogar draußen. Wegen der Haze, der schlimmen Luftverschmutzung durch die illegale Rodung der Wälder Indonesiens wurde das die letzte Zeit leider unmöglich, inzwischen wird es aber wieder besser und ab und an, in einem seltenen glücklichen Moment, kann man ein Stückchen blauen Himmel sehen.
Den Part des Tages stellt man sich vermutlich am Besten vor, in der Realität ist er aber der Stressigste - es vergeht kein Tag ohne Streitereien oder sonstigen Ausschreitungen. Da die Älteren wirklich den ganzen Tag über Nachhilfe haben und lernen, müssen die Kleinen dementsprechend leise sein und können sich wenig austoben. Mal ganz abgesehen davon, dass jedes Spiel ohne Aufsicht in einem Massaker enden würde. Ungefähr 20 Kinder dauerhaft auf einem Haufen - das ist nicht immer Friede Freude Eierkuchen. Spiele werden unglaublich ernst genommen, sodass in jeder Ecke „Sister Juliaaaaaaaaa“ geschrien wird und ich mir die verschiedensten und Beschwerden anhören darf. „Sisteeeeer, he pushed meeeee“, „He is cheatiiiiing!“, oder das gierige „I want! I want!” sind Standartsätze. Eskalationen waren am Anfang nicht ausgeschlossen, inzwischen habe ich jedoch einige wirksame Methoden entwickelt. Inspiriert vom legendären Schweigefuchs müssen vor dem Spiel alle Kinder vor mir stehen und den Zeigefinger vor den Mund halten. Erst, wenn alle ruhig sind und ihre erwartungsvollen Blicke auf mich richten, wird angefangen. Danach folgt meinte Standartrede, nicht zu schlagen, schubsen, kneifen, schreien, das Spiel nicht zu ernst zu nehmen, zu Teilen (wenn es um Malen oder Puzzeln geht) und einfach Spaß zu haben. An der Stelle nochmal ein riesen Danke für die Malbücher und Puzzles! Werden immer eingesetzt, wenn ich die übermäßige Lautstärke nicht aushalte. Habe ich das Gefühl, dass sie sich auspowern müssen, wird „Freeze“ gespielt. Einfach beschrieben: Alle Tanzen wie verrückt umher, wenn die Musik anhält, müssen sie „gefrieren“. Weil sie das Tanzen so lieben, bin ich gerade auch dabei, ihnen eine Choreografie zu Waka Waka beizubringen. Falls ihr noch Ideen habt für geeignete Spiele habt (was zugegebenermaßen für meine Kids schwer ist zu finden- Reise nach Jerusalem endete in einem einzigen Chaos), immer her damit, ich bin über jeden Tipp dankbar!
Wie schon von mir bereits dezent angedeutet, besteht bei den Kids großes Konfliktpotential. Wenn ich genauer darüber nachdenke, ist das sogar verständlich – die Kinder haben keine leichte Zeit. Getrennt von ihren Familien hat jedes Einzelne seine/ihre eigene Geschichte. Sie sind nicht nur unterschiedlich alt und lernstark, sie haben auch alle unglaublich unterschiedliche Persönlichkeiten. Da haben wir den Raufbold, die Schüchterne, den Boss, die Petze, die Außenseiterin,… Über jedes einzelne Kind könnte ich Romane schreiben, aber weil der Post schon viel zu lang ist und das außerdem auch nichts im Internet zu suchen hat, beschränke ich mich auf die einfache Charakterisierung, die dem Einzelnen natürlich so grob auch nicht gerecht wird.
So muss bei den zahlreichen Konfliktsituation entscheiden, wer lügt und wer die Wahrheit sagt. Wer erzählt Märchen, wer hat die Tat wirklich beobachtet? Wer ist Opfer, wer Täter? Was ist wirklich passiert? Erstversorgung, Tatortanalyse, Zeugenbefragung, Rekonstruktion des Tathergangs und Entscheidung der anschließenden Konsequenzen gehören zu meinem „Daily Business“, bis um 19 Uhr das Dinner ansteht.
Die Zeit danach hängt unglaublich stark von dem Night Staff ab, der gerade Schicht hat. Optimalfall: Alle kehren auf ihre Plätze zurück und lernen. Realität: Jeder macht, was er will… naja, versucht es zumindest.
So genieße ich das E-Learning, was ich von Mittwoch bis Freitag nach dem Dinner mit ihnen mache. Das heißt, ich nehme Laptop und Beamer in einen seperaten Raum, das „Learning Center“, und bin ganz frei darin, was ich mache. Mittwochs sind die Kleinen und die Slow Learner dran, Donnerstag die 8-11 Jährigen. Freitags zeige ich allen eine Geschichte und bespreche anschließend den moralischen Wert dahinter. Dabei stehen mir viele veraltete Videos in Form von Liedern etc. zur Verfügung, die ich aber immer weniger nutze. So habe ich die letzten Wochen den Kids die Jahreszeiten näher gebracht. Natürlich lieben alle den Winter, können den Wechsel der Jahreszeiten kaum glauben und reagieren begeistert mit „Wooooow! Magic!“ Für die nächsten Wochen habe ich vor, die Weltkarte und die englischen Vergangenheitsformen mit ihnen zu behandeln. Den Kleinsten versuche ich dann eben Farben, das ABC oder simple, themenspezifische Vokabeln mithilfe animierter Videos näher zu bringen.
Um halb 9 bringe ich dann schließlich die Kleinsten ins Bett, sage „Good Night!“ und gehe zurück in mein Zimmer.


Die Erziehungsmethoden:


Erst einmal haben die Aunties, die hier arbeiten, alle in gewisser Weise ihren eigenen Stil – sind dementsprechend mehr oder weniger streng bzw. dominant. So ziehen nicht immer alle an einem Strang, was die Kinder natürlich merken, ausnutzen und je nach Person unterschiedlich in ihrem Verhalten sind. Alles in allem aber herrscht hier ein sehr autoritärer Erziehungsstil, der viel auf Bestrafung (leider auch Bestrafung 1. Art) basiert; und anders kennen es die Kinder auch nicht.Das Traurigste dabei ist, dass die Kinder nur den Menschen Respekt zeigen, vor denen sie aufgrund strenger und harter Strafen Angst haben. Für Menschen wie mich, die gut zu ihnen sind, zeigen sie keinen Respekt und damit in meinen Augen kaum Dankbarkeit. Ein Punkt, der mich je nach Tagesform immer öfter verzweifeln lässt und oft sehr wütend macht (obwohl ich weiß, dass es nur Kinder sind und es nicht auf alle zutrifft).
Theoretisch weiß ich, wie es richtig geht – ich hatte Pädagogik und Psychologie als Profilfach und kann entweder in meinem Kopf oder eben schriftlich auf das Wissen zugreifen. Ich weiß die grundlegenden Dinge, das Kontingenzschema, positive und negative Punkte unterschiedlicher Erziehungsmaßnahmen und Stile. Bedingungen der Verstärkung à la Kontingenz, Kontinuität, Reihenfolge, Wiederholung,… aber auch Nebenwirkungen von Strafe (Selbstwertgefühl wird neg. beeinflusst, Passivität, negative Beziehungsebene entsteht, kann auch Verstärker sein (Bedürfnis nach Beachtung), Nachahmung) Ja, viel PP-Gerede… ich hätte nie gedacht, dass ich all das so sehr im Alltag gebrauchen kann und wirklich die Erziehung mehrerer Kinder übernehmen muss.
Das alles in einer anderen Kultur, am anderen Ende der Welt, anzuwenden, ist jedoch schwerer als gedacht. Wie soll man die Kinder nach Werten, Normen und Verhaltensregeln erziehen, die man selbst noch nicht kennt und erkunden muss? Hier ist es zum Beispiel normal, mit den Händen zu essen - in Deutschland wäre das undenkbar. Ebenso Teil der neuen Kultur ist die Art und Weise der Erziehung. Inzwischen habe ich akzeptiert, dass es unmöglich ist, den Erziehungsstil im Allgemeinen hier zu verändern. Eine große Herausforderung für mich ist jedoch, dass die Kinder mich respektieren und auf mich hören, obwohl ich keine Gewalt anwende. Die Kids auf die Seite nehmen, mit ihnen reden, loben wenn sie etwas gut machen etc. zieht nicht die Früchte, wie es vermutlich in Deutschland der Fall wäre– denn leider kennen die Kinder hier oft nur den Respekt, der auf Angst basiert. Da ich inzwischen aber auch oft alleine mit den Kids bin, sei es im Alltag oder sogar auf Ausflügen, müssen die Kinder auf mich hören.
Bis jetzt fällt es mir schwer, die Balance zwischen Geduld und Strenge zu finden. Hinzu kommt, dass es „besondere“ Kinder sind, die es sicherlich nicht immer leicht im Leben hatten. Gerade deshalb und weil sie in einem Alter sind, in dem sie viel von uns abschauen und wir ihr Modell sind, bemühe ich mich immer, mein Erzieher- bzw. Modellverhalten zu überdenken. Inwieweit kann und soll ich mich der Kultur hier anpassen? Bis zu welchem Grad soll ich abstumpfen, für meine eigene Psyche aber auch als Rücksicht zu den Kindern? Wo ist die goldene Mitte zwischen Strenge und Geduld, um respektiert zu werden? Ich habe ja bereits schon einige Methoden, die sich für mich als wirkungsvoll herausgestellt haben, beschrieben – obwohl sie je nach Tagesform mal besser, mal schlechter funktionieren.
Alles in allem bin ich aber unglaublich glücklich und dankbar über meine Projektplatzierung. Es ist super zu spüren, dass ich gebraucht werde und etwas zu tun habe, so stressig und nervenaufreibend es sein kann. Ich bekomme hier die Chance, wirklich etwas zu bewirken und habe es zu meinem hoffentlich nicht zu hoch gesteckten Ziel gemacht, etwas Bleibendes in den Köpfen der Kinder zu hinterlassen. Damit kann ich zwar nicht die Welt retten oder das Schul- bzw. Erziehungssystem in Malaysia ändern, aber ich kann den Kindern eine schöne Zeit bereiten. Obwohl im Alltag der Stress im ersten Augenblick präsenter ist, habe ich unglaublich viele schöne Momente, an denen ich merke, dass sich all das lohnt. Neben den Streitereien kann ich den Kindern letztendlich trotzdem zuschauen, wie sie ausgelassen tanzen, spielen und lachen. Trotz den anfänglichen Schwierigkeiten, die Malstifte und das Malbuch zu teilen, zeigen sie mir letztendlich dennoch stolz das in Teamarbeit ausgemalte Bild.
Die traurigen Blicke und panische Fragen, wo ich hingehe, wenn ich am Wochenende in die Stadt fahre und die Umarmungen, wenn ich abends wieder zurück bin; die Küsschen auf die Wange, die gebastelten Karten für mich, auf denen dann auch schon mal ein „Sorry Sister Julia“ steht oder von der Kleinsten sogar zu hören „I Vithusha, you Amma“ (Amma ist malaiisch und bedeutet Mutter) sind all das hier Wert. Ich hätte echt nicht gedacht, dass mir die Kinder (obwohl sie nicht selten kleine Monster sein können) so sehr ans Herz wachsen, sodass ich gar nicht daran denken mag, irgendwann nicht mehr ein Teil ihres Lebens zu sein und nicht mitzubekommen, was aus ihnen wird.


Bereits nach 3 Monaten ist mir bewusst, was der Satz „Welcome to the CPS- family“ für eine große Bedeutung hat. Inzwischen ist es nicht nur mein Projekt, sondern ein Zuhause für mich geworden. Es sind nicht nur irgendwelche Kinder und fremde Aunties- es ist eine große, verrückte und chaotische Familie, die trotz vieler Schwierigkeiten zusammenhält. 


der Ort, an dem alles stattfindet: vom Spielen bis Hausaufgaben machen



27. August 2015

#day29: Eine kleine Geschichte vom "Weiß-Sein"

Nachdem ich mein Internetpacket in den ersten beiden Tagen durch unnötige Youtube-Videos, gepaart mit meiner Dummheit, erfolgreich aufgebracht habe, habe ich geduldig auf den nächsten Monat gewartet und kann nun endlich wieder jeden noch so kleinen Mist googeln. Das wichtigste, nämlich Whatsapp, funktioniert übrigens trotz gedrosseltem Internet einwandfrei. Die 6GB, für die man hier nur 48RM (ca. 10Euro) bezahlen muss, werden diesen Monat hoffentlich genügen – ich geb mein Bestes. Übrigens ist hier nicht nur das Internet total günstig, nein, auch das Essen: ca. 6RM (ca. 1,30) für einen frisch gepressten O-Saft und einen riesen Teller Essen. Leider keine gegrillte Heuschrecken, da muss ich euch leider enttäuschen. Somit sind meine beiden Grundbedürfnisse hier bestens und preiswert gedeckt. Doch darum soll es in diesem Post gar nicht gehen, also Schluss mit dem Geschwafel. Es folgt nämlich ein relativ unnötiger Bericht, wie Jana und ich das RelayforLife- Event erlebt haben.
Zugegebenermaßen ist es schon einige Wochen her, aber ich habe gerade mal Zeit und auch Lust, zu schreiben- aber lieber spät als nie. Über die Notwendigkeit des Posts lässt sich streiten, aber es war sehr amüsant, wenn auch ab und an etwas skurril. Zusammengefasst war es das erste Mal, dass mir aufgefallen ist, eine „Weiße“ zu sein. Was ich damit meine, werdet ihr Laufe des Posts schon noch merken. 

By the way: Ich bin tatsächlich schon knapp einen Monat in Malaysia. Bis jetzt läuft die Zeit hier schneller, als gedacht. Ich bin mir nicht so ganz sicher, ob ich das gut oder schlecht finden soll. Das Zeitgefühl wird sich hier vielleicht sowieso noch ändern, man wird sehen… 


Aber erstmal zur Veranstaltung: 
„RelayforLife is a worldwide movement that aims to spread the key message about cancer as well as raise much needed funds for cancer services. It started in USA, under the American Cancer Society, and is now held in over 20 countries around the world. […] Relay brings us together as a community in our fight against cancer. It affirms that we can do things to protect ourselves and our loved ones against cancer; that we need to know more and spread knowledge to others; and that we can celebrate this fight together [...]"
Zusammengefasst und primitiv übersetzt: RelayforLife ist ein jährliches Event, um auf Krebs aufmerksam zu machen. Einerseits werden Informationen rund ums Thema weitergegeben, andererseits die Überlebenden gefeiert und Hoffnung für die Menschen gemacht, die noch kämpfen müssen. 

Stattgefunden hat RelayforLife im wunderschönen Youth Park, wo ich übrigens endlich Affen zu Gesicht bekommen habe! Falls ich irgendwann den Mut aufbringen werde, hier mit dem Fahrrad rumzufahren, muss ich da definitiv öfter hin.
Es waren viele große Zelte aufgebaut, in der Mitte befand sich eine Art Rundlauf, auf der symbolisch mindestens eine Person laufen sollte, bis das Event zu Ende war. Es ging übrigens von 4 Uhr nachtmittags durch die Nacht bis 10 Uhr morgens) 



Darauf aufmerksam gemacht hat mich ein Staff aus meinem Projekt, deren Tochter (die wirklich wahnsinnig aufgeschlossen und nett ist) sich dort als Volunteer angemeldet hat. Also hab ich Jana (eine Mitfreiwillige hier in Penang) geschnappt und eingewilligt, ebenso vor Ort zu helfen. Netterweise hat uns ein Uncle hingefahren, wobei wir natürlich dort angekommen den deutschen Stereotypen gerecht wurden und viel zu früh da waren – oder sie nach malaiischer Manier zu spät, je nachdem, wie man es sehen möchte. Nach längerem Warten konnten wir uns dann schließlich anmelden und unsere T-Shirts holen. Planlos, wie alles war, sind wir erstmal ein wenig rumgelaufen und haben unweigerlich nebenbei den durch und durch schrecklichen „Sängern“ bei der Probe zuhören müssen, woran man sich in Penang wohl oder übel gewöhnen muss. Bei der absolut schiefen Gesangsperformance von Thinking Out Loud hat mein Herz geblutet, da hätte sogar ich besser gesungen- was wirklich einiges heißt. Keine Minute später wurden wir dann angesprochen und nach langem Zieren zu einem Interview gedrängt. Also mussten erst Jana, danach ich, uns total fertig und verschwitzt auf eine Couch setzen und diverse Fragen zu Krebs und RelayforLife beantworten. Weil das natürlich nicht unangenehm genug war, war eine fette Kamera auf uns gerichtet. Ganz ehrlich, ich hab mich gefühlt wie in einem Bewerbungsgespräch, bei dem ich den Job definitiv nicht bekommen würde. Natürlich hatten wir auch nicht die geringste Ahnung von Krebs und dem Event - wir wollten schließlich nur helfen und neue Leute kennenlernen. Wofür das Interview war, habe ich bis heute noch nicht verstanden. Aber hey, es war bestimmt für einen guten Zweck…und witzig war es allemal.
Danach haben wir uns auf die Suche nach unserer Arbeit gemacht, was gar nicht so einfach war. Eingetragen waren wir für die Coupons, was auch immer das heißen sollte. Nun gut, nach ewigem Rumfragen wurden wir dann hinter einen Essensstand gestellt und haben natürlich, wie kann es auch anders sein, Reis verkauft! Nasi Briyani, um genau zu sein. 


Reis verkaufen; What else?
Selbstverständlich eingewickelt in Papier, ist so ja auch total logisch und praktisch zu essen, nicht wahr?
Jana beim Interview - danach war ich an der Reihe

Das waren zwar nicht die Coupons, aber immerhin etwas. Da nämlich viel zu viele Freiwillige da waren, hatte die Hälfte nichts zu tun - so zumindest mein Eindruck. Das Tolle an unserem „Arbeitsstandort“ war, dass wir Mitten im Essensbereich waren, was, wie ihr wisst, der perfekte Ort für mich ist. So haben wir des Öfteren Essen zum Probieren geschenkt bekommen und mussten so keinen Cent, oder besser gesagt Ringgit, dafür ausgeben. Während des Verkaufs wurden wir, wie so oft, nach unserer Herkunft und Tätigkeit gefragt, was meistens zu tollen Gesprächen geführt hat. So wurde uns zum Beispiel angeboten, einen kostenlosen Yogakurs zu besuchen; im Gegenzug könnten wir das Deutsch der Dame etwas auffrischen. Ob das wirklich zustande kommt, bezweifle ich, aber nett ist es dennoch allemal. Zwischendurch hatten wir dann die Gelegenheit, etwas rumzulaufen, sodass wir uns ein Henna- Tattoo machen haben lassen und freudig den Leuten beim Tanzen (oder was auch immer das war) zuschauen konnten. 



Gegen Ende des Tages haben wir sogar die Mädels vom Interview wieder getroffen, ein bisschen gequatscht und natürlich – wie kann es anders sein – Nummern getauscht. Selbstverständlich wurde auch schon eine entsprechende Whatsapp- Gruppe gegründet, was wohl eher obligatorisch war. Ich habe noch nicht ganz herausgefunden, ob das hier normal ist oder nur gemacht wird, weil wir Weiß sind. Geschrieben oder ein Treffen ausgemacht wurde jedenfalls noch nicht. Aber hey, immerhin haben wir „Einheimische“ kennengelernt- die übrigens merkwürdigerweise oft interessiert daran sind, mit uns Bilder zu machen. So auch bei unseren „Nachbarn“, die den Essensstand neben uns hatten und wir mit ihnen vor dem riesen Chicken- Dönerspieß posieren mussten (& wir sind in immerhin Penang, was vor allem im Vergleich zu den anderen Orten meiner Mitfreiwilligen recht touristisch ist). Amüsant, wenn auch ein wenig skurril, war es allemal. 

Nachdem bereits recht früh am Abend der Youth Park immer leerer und die Shows immer weniger und uninteressanter wurden, haben wir uns auf die Suche nach Rachel, der Tochter des Staffs, gemacht. Da Jana von ihrem Projekt aus um 10 Uhr schon zurück sein musste und wir von einem Freund von Rachel zurück in unsere Projekt gebracht wurden, bin ich auch schon mitgefahren. Bis um 10 Uhr morgens hatte ich dann doch keine Energie, zu bleiben.
Übrigens vermisse ich es, selbstständig mobil zu sein und ganz bequem mit meiner geliebten Frieda (mein himmelblauer Lupo) alles in kürzester Zeit zu erreichen.

Nach einer witzigen Autofahrt mit interessanten Gesprächsthemen rund um Malaysia war ich nach anfänglichen Zweifeln total glücklich, an RelayforLife teilgenommen zu haben! Ich hätte nie gedacht, dass man mit einfachem Reis verkaufen so viel Erlebnisse hat, die uns oft zum Schmunzeln gebracht und einige Lacher garantiert haben. 



P.S.: Es nicht noch wichtig zu erwähnen, dass der Titel sehr überspitzt gewählt ist - so klingt es einfach spannender, als ein einfaches "RelayforLife", also nehmt es aber nicht zu ernst. Wie bereits erwähnt, bin ich einer einer recht touristischen Gegend. Erfahrungen meiner Mitfreiwilligen über dieses Thema sind wahrscheinlich durchaus skurriler und interessanter als meine. Ich dachte, ich teile sie aber trotzdem mit euch.

16. August 2015

#day18: Erste Eindrücke



Ich weiß, ihr wollt detaillierte Informationen und Eindrücke über mein Projekt und meine Tätigkeit wissen, doch das kann ich euch leider (noch) nicht bieten. Ich hoffe, ihr versteht, dass ich erst seit 2 Wochen hier bin und erst einmal richtig ankommen muss. Es ist einfach nicht möglich, eine tägliche Arbeitsroutine zu erläutern wenn ich diese selbst noch nicht einmal habe… das braucht Zeit. 

"Ich habe die Wahl, entweder ein Opfer der Welt zu sein oder eine Abenteuerin auf der Suche nach ihrem Schatz. Es ist alles nur eine Frage, wie ich mein Leben angehe." -Elf Minuten, Paulo Coelho

Da ich vermutlich bei vielen die Einzige bin, von der ihr Informationen über Malaysia erhaltet, habe ich hiermit eine gewisse Verantwortung, der ich mir bewusst bin. Wie bereits in einem vorherigen Post erwähnt, handelt es sich bei meinem Blog um eine Single Story – um eine einzige Geschichte. Dementsprechend versuche ich, darauf zu achten, was und wie ich es schreibe. Ob es mir gelingt, ist eine andere Frage. Mir ist es somit sehr wichtig, dass ihr das im Hinterkopf habt, wenn ihr meine Einträge lest.
Also hoffe ich, dass ihr Verständnis habt und auch erstmal mit meinen ersten Eindrücken („Random Facts“) rund um Malaysia und mein Leben hier vorlieb nehmen könnt:


1) Penang bzw. Georgetown ist eine sehr schöne, aber komplizierte Stadt. Ersteres wegen de vielen Grüns und dem Penang Hill, zweiteres liegt wohl eher an meinem mangelnden Orientierungssinn. Nach meinen ersten Eindrücken ist es auch eine Stadt voller Gegensätze, zumindest, was die Gebäude. Viel mehr kann ich nach nur 2 Wochen noch nicht beurteilen

2) Heimweh hält sich entgegen meiner Erwartungen bis jetzt einigermaßen in Grenzen. Natürlich habe ich, was das betrifft, meine Ups and Downs

3) Meine hauptsächliche Ernährung besteht morgens, mittags und abends aus Reis, Chicken und todgekochtem Gemüse; an das scharfe Essen habe ich mich sogar schon etwas gewöhnt. Das „Gebäck“ erinnert mich oft an Weihnachten oder Fastnachtsküchle

4) Die Kinder habe ich schon richtig in mein Herz geschlossen, auch wenn sie wirklich kleine Monster sein können – so süß sie auch sind. Es ist eben noch schwer für mich, die richtige Balance zwischen Strenge und Geduld zu finden. Sie sind zwischen 5 und 18 Jahren alt, wobei ich eher für die jüngeren zuständig bin

5) Meine Tätigkeit in 3 Worten: Streitschlichterin, Lehrerin und Spielemaster. Dazu aber vielleicht mehr in einem anderen Post

6) Meine Stiche treiben mich noch in den Wahnsinn! Der Rekord war um die 60 Stiche, die sich hauptsächlich an meinen Füßen und inzwischen auch Armen ausbreiten. Insektenspray hin oder her, sie lieben mich einfach. Ich bin aber fleißig dabei, Lösungen für das Problem zu finden. Ob sie erfolgreich sein werden, wird sich zeigen
Also falls ihr Tipps habt, bitte immer her damit!

7) Der Straßenverkehr war für mich am Anfang beängstigend, inzwischen habe ich mich schon etwas daran gewöhnt. Gehwege sind mehr oder weniger vorhanden. Naja, eher weniger – und wenn, dann sind sie definitiv mit den Deutschen zu vergleichen...so wird’s wenigstens nie langweilig

Mein Weg zur Bushaltestelle


8) Die Menschen sind sehr offen und interessiert an meinem Leben in Deutschland, besonders in meinem Projekt (ich hättet die strahlenden Augen der Kinder sehen sollen, als ich ihnen Bilder aus Deutschland gezeigt habe; besonders wenn Schnee zu sehen war). Außerhalb werde ich häufig auf meine Herkunft und Tätigkeit hier in Malaysia angesprochen. Nicht zuletzt muss ich relativ häufig auf Gruppenbildern mit dabei sein. Wofür sie sind und warum ich mit auf dem Bild sein muss, verstehe ich im seltensten Fall

9) Das, was ich bis jetzt am meisten an Malaysia liebe, ist die Kulturvielfalt. Anstatt mit Malaien habe ich die meiste Zeit mit Chinesen und vor allem Indern verbracht. Es wird hier Tamil, Bahasa Melayu, Englisch und Chinesisch gesprochen. Dementsprechend haben bereits die kleinen Kinder sehr viel zu lernen

10) Einige kleine aber feine kulturelle Unterschiede, die mir bis jetzt aufgefallen sind: Mit Gabel und Löffel zu essen ist so viel praktischer, als mit Messer und Gabel. Auf den Löffel passt einfach viel mehr drauf! Mit der Hand zu essen hat auch seinen Reiz, auch wenn ich mich am Anfang dabei etwas komisch gefühlt habe. Das Essen zum Mitnehmen in Papier verpackt zu bekommen und das Trinken in Plastiktüten zu trinken ist jedoch noch etwas seltsam für mich (im positiven Sinn).
In der Dusche aufs Klo zu gehen, Zähne zu putzen etc. ist nicht nur zeit-, sondern auch platzsparend – wenn auch am Anfang ungewohnt.
Organisation, Planung und Pünktlichkeit haben hier definitiv einen anderen Stellenwert als in Deutschland. Das kann zwar stressig sein, hat uns (bis jetzt) eher zum Schmunzeln gebracht

Zu dem ein oder anderen Punkt wird bestimmt noch ein ausführlicher Blogpost folgen, je nachdem wie ich das hier mit dem Internet am Laptop hinbekomme. Genaueres zu meiner Tätigkeit natürlich auch - aber wie gesagt, das braucht Zeit. Hier aber ganze 2 Bilder (wow, ich weiß!) zu meinem Projekt:





Selamat tinggal!:)


4. August 2015

#day5: Exploring Kuala Lumpur!

Die Zeit vom letzten Post bis heute verging wahnsinnig schnell. Es war so viel zu erledigigen- mal mehr, mal weniger Erfreuliches. Neben dem ganzen Organistorischem wollte ich natürlich so viel Zeit wie möglich mit allen zu verbringen. Am Freitag ist "mein großer Tag" schließlich gekommen und es hieß, Abschied von meinen Liebsten zu nehmen. Mein Gott, es fiel mir so unglaublich schwer. Die, die mich kennen, wissen: ich bin eben ein extremer Heimweh-Mensch und mache mir immer große Sorgen um alle.
Also passt gefälligst gut auf euch auf! 
Im Flugzeug gab es dann kein Zurück mehr... Vergleichen kann man es mit einer Achterbahn, die man hochfährt, Angst bekommt und am liebsten wieder raus möchte. Zum Glück hatte ich eine tolle Sitznachbarin, die meinen starken Griff standhielt. Den Rest vom Flug hab ich verschlafen, was ganz gut war, da es anscheinend Turbulenzen gab. Fliegen ist ja, wie die meisten wissen, sowieso noch nie so mein Ding gewesen.
Am Flughafen angekommen wurden wir von AFS Malaysia abgeholt und in ein wirklich tolles Hotel gebracht, was meine Erwartungen komplett übertroffen hat. Die nächsten 2 Tage verbrachten wir gemeinsam dort und uns wurde ein Crash-Kurs Bahasa Melayu und andere Besonderheiten der Kultur beigebracht - selbstverständlich begleitet von Energizern. Das Highlight dieses mal war allerdings die City Tour durch KL.

 Ohne das Bild kann man einfach keinen Post zu KL verfassen: die bekannten Pentronas Towers! Wir waren zwar nicht oben, jedoch im Einkaufszentrum. Die meiste Zeit war ich aber im Supermarkt, um all die fremden Lebensmittel zu begutachten.

Der 3. Stopp: Der Sitz vom König, soweit ich das verstanden habe.  Auf dem Bild sieht man jedoch nur das Tor.

Wir hätten noch einen zweiten Stopp eingelegt, jedoch konnte der Bus wegen Demonstrationen nicht halten. Das Thema Politik ist hier recht kritisch...

Anstatt wie geplant ins Projekt gebracht zu werden, mussten einige (mich eingeschlossen) das Hotel in KL wechseln und noch eine Nacht bleiben. Dadurch hatte ich das Glück, noch jede Menge zu erleben! Jed, eine einheimische Freiwillige, ist mit uns im neuen Hotel geblieben und zusammen haben wir KL erkundet. Fremd, aber sehr beeindruckend für mich war Chinatown. Ich hab einfach mal versucht mein deutsches Gehirn auszuschalten und hab mich dazu entschieden, auch etwas zu essen. Klingt zwar komisch, aber wenn ihr mit mir dort gewesen wärt, würdet ihrs verstehen :) Es hat sich auf jeden Fall gelohnt.




Der vorerst letzte Abend gemeinsam in KL wurde natürlich auch gefeiert! Die Straße mit den Pubs war wunderschön und bestückt mit Lichtern. Alles in allem war es ein anstrengender, aber wundervoller Abend, bevor wir am nächsten Morgen in den Bus Richtung Penang stiegen und zum Projekt gebracht wurden. Dazu aber mehr im nächsten Post.

Der Weg vom Suchen zum Finden ist nicht gerade, und Wille und Vernunft genügen nicht, um ihn zu gehen. Man muß horchen, lauschen, warten, träumen können, Ahnungen offenstehen. Mehr weiß ich nicht. 



Ok, ich glaube, ich hätte viel mehr und detaillierter schreiben können und viel mehr spannende Bilder zeigen können, aber mein Kopf ist absolut voll von neuen Eindrücken. Ich hab viel zu ordnen, ob vor Ort oder in meinem Gehirn. Falls ihr noch Fragen habt, immer her damit!:)

Selamat tinggal, meine Lieben!
7. Juli 2015

#day -25: The danger of a single story

Chimamanda Adichie, eine nigerianische Schriftstellerin, hielt eine 20 minütige Rede über "The danger of a single story" (Die Gefahr einer einzigen Geschichte). Seit ich das Video zum ersten Mal auf der 1. VB gesehen habe, ist sie mir nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Da es um ein Thema geht, dass besonders für meinen Blog sehr wichtig ist anzusprechen,  liegt es mir hier am Herzen, euch davon zu berichten und darauf aufmerksam zu machen.



Zusammenfassend spricht sie über das Probelm der Einseitigkeit. Darüber, was passiert, wenn man nur wenig über ein Land oder ein Volk informiert ist - man bekommt ein  verfälschtes und verschwommenes Bild, welches für einen dennoch die Wahrheit zu sein scheint.

So erzählt sie beispielsweise, wie sie als Afrikanerin nach ihrer Musik gefragt wurde. Erwartet wurde vermutlich die "typische" afrikanische Musik, die wir alle im Kopf haben- dementsprechend erntete Chimamanda überraschte Blicke, als sie Mariah Carey präsentierte.  
Besonders dieses Beispiel hat mich nachdenklich gemacht...wäre ich auch überrascht über Mariah Carey gewesen? Was assoziieren wir mit Afrika?
Um ehrlich zu sein, fallen auch mir zuerst freilaufende Giraffen und Elefanten ein. Ausgehungerte Kinder, weite Steppen und winzige Dörfer.
- Das Problem der Einseitigkeit.
Doch wie uns Chimamanda deutlich macht, verkörpern diese Dinge nur einen Teil Afrikas. Nun ja, schließlich bekommen wir auch in den Medien genau diese Single Story präsentiert, sodass wir fast schon blind für andere Informationen werden.

 “The single story creates stereotypes, and the problem with stereotypes is not that they are untrue, but that they are incomplete. They make one story become the only story.” 

In meiner Familie stoße ich auf Single Stories genauso wie in vermeintlich reflektierten Portalen - und nicht zuletzt auch bei mir selbst. Niemand ist von Stereotypen befreit, alles andere wäre eine Lüge. Jedoch kann man versuchen, sie zu umgehen. So kommt man meiner Meinung nach einen beachtlichen Schritt in die richtige Richtung, wenn man sich seiner eigenen Gedanken bewusst wird. 

Klar, ich werde nicht nach Afrika gehen. Dennoch bin ich bei dem Beispiel von Chimamanda geblieben, da man es so besser verdeutlichen kann.
Denn auch in Malaysia werde ich nur ein winziges Bruchstück vom Ganzen erleben und das an euch weitergeben können- eine weitere Single Story also.  
Es liegt mir also vorab am Herzen (bevor ich all die aufregenden Erfahrungen machen und euch davon berichten werde), dass man auch daraus nicht vom Kleinen aufs Ganze schließen kann und sollte.

 Hier gehts zum Video: https://www.youtube.com/watch?v=mgs2Do88zp0
Schauts euch bitte unbedingt an! Es lohnt sich :) 


5. Juni 2015

#day -55: 1. Vorbereitungsseminar

Meine Reise nach Malaysia rückt immer näher - und wird mir auch immer bewusster. Insbesondere nach den 5 Tagen Vorbereitungsseminar, von denen ich euch berichten werde.

4 Stunden Autofahrt habe ich auf mich genommen, um in Bad Emstal die anderen Freiwilligen und  "Teamer" kennenzulernen. Beschreiben kann man sie als Ehemalige, die uns ehrenamtlich betreuen und die Programmpunkte etc. leiten.
In den sogenannten Einheiten lernten wir viel Allgemeines über den Freiwilligendienst. Zunächst  Grundlegendes über Kommunikation - was, um ehrlich zu sein, etwas enttäuschend für mich war. Nunja, da haben sich die Jahre Pädagogik/Psychologie ausgezahlt gemacht; Neues habe ich definitiv nicht gelernt. Das Prinzip von Sender und Empfänger oder das 4 Ohren Modell nach Schulz von Thun (das natürlich in Kleingruppen schauspielerisch von uns veranschaulicht wurde) sind nur einige Beispiele.


der Seminarraum
Die Einheiten der folgenden Seminartage waren dafür umso spannender. So diskutierten wir beispielsweise den umfassenden Begriff der Kultur.
Viel zum Nachdenken hat mich das Thema der Entwicklungszusammenarbeit bzw. Entwicklungshilfe angeregt. Behandelt wurde beispielsweise der Unterschied beider Begriffe und unsere Rolle dabei. Letzteres, ein Film den wir gemeinsam angeschaut haben und das sogenannte "Welthandelsspiel" haben mir definitiv viel Stoff zum Grübeln gegeben.

Das Welthandelsspiel zu erklären, würde jetzt definitiv den Rahmen sprengen. Zusammenfassend bin ich für ein paar Stunden im Müll gesessen und habe versucht, mich zwischen der Schikane Anderer und unfairer Mittel aus "Kapitalusien" möglichst viel Geld zu erwirtschaften, was unmöglich war.

Das Welthandelsspiel ist hierbei nur ein Beispiel, wie uns wichtige Aspekte über den Freiwilligendienst ein Stück erlebbar gemacht wurden.
"Kress & Strisen"
Weiterhin wurde der Begriff der Identität aufgegriffen, verschiedene Modelle wie etwa das Eisbergmodell (bezüglich dessen, was hinter den verschiedenen Artefakten eines Landes steckt und inwiefern die Eisberge zweier Länder zusammenstoßen),besprochen. Diesen folgten viele weitere Einheiten. Über alle zu berichten würde jedoch einen vile zu langen Post zur Folge haben. Erwähnen möchte ich dennoch die letzte Einheit, an die das 2. Vorbereitungsseminar anknüpfen wird. Besonders mir, die sich bekanntlich den Kopf über alles zerbricht, hat die Einheit über Stress und Krisen (auch "Kress und Strisen" genannt) viel Mut gemacht.


Da es sich hier um AFS handelt, kam der Spaß natürlich auch nicht zu kurz- das große Stichwort sind hier die "Energizer" von denen ich zugegeben mal mehr, mal weniger begeistert bin. Doch eins muss man ihnen lassen - wacher war ich danach immer.
Definitiv erwähnenswert ist auch die tolle Gruppendynamik, die bereits nach den wenigen Tagen entstanden ist. Ob man es jetzt wie in Psychologie "Wir- Gefühl" ode wie die Teamer "AFS spirit" nennt, ist egal. Auf jeden Fall ist es großartig.



nur eine der vielen Teambuilding- Aufgaben
am letzten Abend wurde nach 4 Tagen Vegetarismus gegrillt
unsere "Inselgruppe"
da wir in einem Selbstversorgerhaus untergebracht waren, wurde selbst gekocht
Zurückgekehrt bin ich mit dem beruhigenden Gefühl, mich mit tollen Menschen auf die große Reise zu machen und aufgehoben zu sein. Dem 2. Vorbereitungsseminar, das ich leider nicht mit den Anderen haben werde, stehe ich dennoch voller Vorfreude entgegen. Die Schule ist schließlich noch nicht ganz zu Ende und das mündliche Abi ruft. Meine Vorbereitungszeit hierfür würde leider genau in den Zeitraum des Seminars fallen, wodurch ich eben in paar Wochen später bei der Gruppe rund um Costa Rica, Italien und Dänemark dabei sein werde. Sehr schade, weil das 2. Seminar länderspezifischer sein wird und ich so viel Informationen über Malaysia verpassen werde. Was nimmt man nicht alles in Kauf, um auch in den letzten Zügen Schulzeit alles zu geben... So werde ich die Anderen erst am Flughafen in Frankfurt wiedersehen, wenn wir in den Flieger zu unserem großen Abendteuer steigen werden.



hier verlinke ich euch noch einen Artikel über uns von der örtlichen Presse (den ich um ehrlich zu sein nicht besonders gelungen finde; vielleicht ist er aber doch ganz interessant für den Einen oder Anderen)
http://www.naturfreunde-bad-emstal.de/index.php?option=com_content&view=article&id=356:das-ganz-andere-freiwilligen-jahr&catid=1:aktuelle-nachrichten&Itemid=85