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12. Januar 2016

#day167: Darf ich vorstellen? Penang

Es macht mir Angst, wie schnell die Zeit vergeht. Die ersten Tage hier konnte ich mir noch nicht einmal vorstellen, einen Monat hier zu leben. Inzwischen bin ich schon 167 Tage, also knapp 6 Monate hier – und kann es kaum fassen. Ich habe nur noch 5 Monate, alles zu entdecken. Die Stadt zu erkunden, das Land und die Leute kennenzulernen. Der Satz „Ich gehe nicht zurück nach Deutschland, bevor ich das nicht gemacht/gesehen habe“, sollte ich definitiv mehr in Angriff nehmen.

 Ich habe nun mal das große Glück, in Penang zu wohnen – das Sammelsurium an Gegensätzen schlechthin. Die Auswirkungen der Globalisierung sind hier in konzentrierter Form gut zu sehen: riesige Wolkenkratzer, Hotelbauten und moderne Shoppingmalls, die (fast) keine Wünsche offen lassen (Schupfnudeln, I miss you!) sind ein toller Komfort. Ein paar Schritte entfernt sind jedoch die alten Gebäude zu sehen, die der Stadt ihren Charme verleihen. Schlendert man einfach so in der Innenstadt herum, findet man unzählige alte Cafés, wobei jedes einzelne seinen eigenen, oft einmaligen aber wunderschönen Stil hat. Neben den alten britischen Kolonialgebäuden an der Meerpromenade reihen sich Moscheen und indische bzw. buddhistische Tempel. Betritt man Little India, riecht die Welt wundervoll nach Masala, die Ohren werden mit indischer Musik zugedröhnt. Mit der ihr in Deutschland spätestens nach Betreten von Frieda, meinem Auto, Bekanntschaft machen werdet. Ich bin zwar leider nicht wirklich textsicher in Tamil, feiere die Musik trotzdem. An wunderschönen Sarees, Punjabi Suits und natürlich übermäßigem Goldschmuck mangelt es natürlich auch nicht. Von Henna bis Kuhpisse – für jedes Herz ist etwas dabei! In Chinatown findet man die buntesten Tücher und Schlabberhosen jeder Art. Natürlich ausgerichtet auf die Bagpacker, von denen es an der Heritage Site nur so wimmelt, besonders im Vergleich zu anderen Gegenden Malaysias. Nicht umsonst ist die Stadt UNESCO Weltkulturerbe, das zeigt sich auch im Tourismus: Die Klischee- Weißen, die für ein paar Tage in Penang sind, ein paar „kreative“ Posen vor der berühmten Streetart von Georgetown machen, sich total in der Kultur fühlen, aber umso mehr unbewusst abgrenzen. Die sich alle in den gleichen Gegenden und Restaurant tummeln (die extra auf sie ausgerichtet sind) und glauben, die Haremshosen wären total einheimisch.
Ja, auch ich trage Haremshosen, weil sie unheimlich bequem und perfekt für das Wetter hier sind. Ja, auch ich habe schon fleißig Bilder mit und von der wundervollen Streetart gemacht, für die Penang neben dem Essen weltberühmt ist. Obwohl ich die Bagpacker oft mit einem schmunzeln betrachte, ich liebe Penang dafür, am Wochenende auch mal der typische Weiße Tourist aus dem Westen zu sein, kurze Hosen zu tragen und total fancy Smoothies zu trinken.
Hier sind schön die Gegensätze zu sehen, die ich meine. Im Vordergrund ein indischer Tempel, dahinter diverse Hotel- bzw. Bürogebäude.

Wie ihr hierbei schon merkt, ist Penang hauptsächlich von Chinesen und Indern besiedelt, sodass Dinge wie der Dresscode außerhalb der Arbeit eher lockerer und nicht „typisch malaiisch“ zu folgen ist. Durch die Vielfalt an Religionen und Kulturen, die hier miteinander leben, ist die Insel nicht nur besonders bunt, sondern regt auch zum Nachdenken an. Es wird nie langweilig, Reizüberflutung findet dauerhaft statt. 
britisches Kolonialgebäude an der Meerpromenade
Esplanade. Ein wundervoller Ort, um dem Meer und den Menschen zuzuschauen und abzuschalten.
Die Kulturvielfalt zeigt sich trotzdem vor allem am wichtigsten Punkt, wenn von Penang die Rede ist: das weltberühmte Essen. Indisch, Chinesisch oder doch zum Malay? Die sogenannten Hawker- Stalls sind mit umgerechnet 2 Euro für ein Essen plus Getränk nicht nur vom Preis her unschlagbar, sondern schmecken einfach am besten, solange man sein deutsches Hirn abschaltet und über das Aussehen bezüglich Hygienebestimmungen hinwegsieht. So glücklich ich am Anfang war, sogar mehrere McDonalds zur Verfügung zu haben, kann ich darüber jetzt nur noch den Kopf schütteln. Bigmacs können den Burgerständen einfach nicht im Geringsten das Wasser reichen. Dazu noch einen frisch gepressten O- Saft aus der Plastiktüte, Mango am Spieß als Nachtisch und alles ist perfekt. Apropos Essen: Wer hätte gedacht, dass ich scharf essen kann? Ausnahmslos täglich indisches Essen, das zwar unglaublich gut schmeckt, ich inzwischen zeitweise weder sehen, riechen noch schmecken kann, trägt eben seine Früchte. Zurück in Deutschland wird dementsprechend grammatikalisch hochprofessionell der Döner MIT scharf bestellt. Jeden Tag das gleiche Essen (Curry, Reis, todgekochtes Gemüse, …) führt mich inzwischen aber dann doch in den ein oder anderen Subway. Brot im Indien- Style geht aber dann doch immer – ob Roti, Naan oder Tosai, ist egal.
Chulia- Street, der Bagpacker Hotspot schlechthin, bei Nacht
typische Straße von Georgetown, auf der Heritage- Site
Als Dorfkind wird mir das manchmal aber auch schon zu viel, besonders der Verkehr und die dementsprechende Luftqualität. (in Deutschland wäre es unvorstellbar, die Straße so zu überqueren wie hier. Aber hey, ich lebe noch).
 
StVO Penang- Edition:
  • Straßenmarkierungen? Vorhanden, aber unnötig. Wozu, wenn man sich auch so versuchen kann, durchzudrängeln… und damit alles nur noch schlimmer zu machen. So werden aus einer eigentlich 2- spurigen Straße auch schon mal 4 oder 5.
  • Anschnallgurte, Blinker sowie Helme, vor allem für Kinder, werden überbewertet.
  • Warum ein Auto kaufen, wenn die 4-köpfige Familie mit Kleinkind auch auf ein Moped gequetscht werden kann?
  • In den ersten 5 Sekunden sind rote Ampeln noch als grün zu betrachten.
  • Busse sind grundsätzlich pünktlich – sie haben schließlich keine Fahrpläne.
  • Die goldene Busfahrerregel: So ruckartig bremsen, wie nur möglich. Ist ja nicht so, dass der Bus ohnehin total überfüllt ist. Je mehr die Leute durchgeschüttelt werden, desto besser.
  • An Ampeln immer wieder dichter an das vordere Auto auffahren, vielleicht wird’s dann schneller grün.
  • Einen kompletten Inhalt eines Supermarktes auf dem Moped zu transportieren, ist kein Problem. Damit alles gut hält und die 10 Kartons Eier nicht runterfallen, sollte ein geknotetes Band genügen.
  • Menschen wie auch Kühe sind Meister darin, Fußgängerampeln (wenn vorhanden) zu ignorieren und die Straße an der dümmsten Stelle zu überqueren. Die magische Handinnenfläche zeigen, die Autos werden schon anhalten… oder auch nicht. #thepowerofthehand
  • Du brauchst keinen Führerschein, nur 50RM. (~10 Euro)
Vertieft in mein Handy, hat die Kuh mich ganz schön erschrocken. Die Autofahrer genauso, danach gab es einen Unfall. Die Kuh hat das recht wenig interessiert.
Bis jetzt habe ich mich übrigens noch nicht getraut, mit dem Fahrrad zu fahren. Ob es wirklich gefährlicher ist, als sich dem Fahrstil der Busfahrer auszusetzen oder auf dem Weg zur nächstgelegenen Haltestelle von Straßenhunden angeknurrt zu werden, kann ich dementsprechend noch nicht sagen.

Wird mir das dann alles doch zu viel, bietet Penang auch jede Menge Möglichkeiten, dem zu entkommen – wenn man dabei nicht gerade von einem Affen belästigt wird. Schließlich lebe ich in einem tropischen Land mit einer wunderschönen Natur, wovon Penang im Gegensatz zu anderen großen Städten wie KL viel zu bieten hat. Sei es der Penang- Hill, der seitdem der Haze verschwunden ist endlich wieder die Landschaft schmückt, der Strand, der botanische Garten, der Nationalpark und mehr oder weniger vorhandenen Wanderwegen durch diverse Dschungel.
der Kek Lok Si Tempel ist einer der größten buddhistischen Tempel Südostasiens.
Batu Ferringhi, der Strand in Penang ca. 30min Busfahrt entfernt



Zusammengefasst, ich liebe Penang. Die Stadt ist inzwischen mein zweites Zuhause. Ich lebe auf einer Insel, dort, wo andere nur zum Urlaub sind. Im Gegensatz zu ihnen habe ich aber das große Glück und die Gelegenheit, die Stadt und ihre Bewohner für 11 Monate zu erleben– und trotzdem habe ich die Sorge, bis zu meiner Rückkehr nach Deutschland etwas verpasst zu haben. Es gibt noch so viel mehr Dschungelwege zu wandern, Tempel zu besichtigen und Restaurants, Cafes und Hostels zu erkunden.