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27. April 2016

#day273: Warum der Gedanke so weh tut, Malaysia verlassen zu müssen

Wenn man einen Entschluß gefaßt hatte, dann tauchte man damit in eine gewaltige Strömung, die einen mit sich riß, zu einem Ort, den man sich bei dem Entschluß niemals hätte träumen lassen.

Essen

Wo soll ich nur anfangen? Frisch gepresster Fruchtsaft, immer, überall und super günstig- ob Orange, Ananas oder Wassermelone. Sowieso gibt es hier die geilsten Milkshakes bzw. Lassis und die besten Früchte überhaupt. Obwohl ich Reis inzwischen nicht mehr sehen kann, wird meine Liebe zur indischen Küche nie enden, insbesondere was Pasembur und Roti angeht. Die abgefahrensten und besten Suppen (Laksa) und die grandiosen chinesischen Nudeln (Char Koay Teow), ohne die ich mir mein Leben nicht mehr vorstellen kann und will. Ich liebe es, mich mit den anderen spontan ins „Rolling Sushi“ oder in den Foodcourt zu setzen und eine unglaubliche Auswahl an allen möglichen, leckeren und exotischen Gerichten zu haben, ohne dabei wie in Deutschland ein halbes Vermögen ausgeben zu müssen.


Kunterbunt

Nicht nur das Essen, sondern auch die Menschen sind vielfältig, bunt und oft auch ein bisschen verrückt. Mir graut es jetzt schon vor Deutschland, wo zwar alles schön, aber geordnet und schlichtweg gleich aussieht – von der Kleidung, Hautfarbe der Menschen bis zu den Gebäuden, die weder verdreckt noch mit schönen Gemälden vollgemalt sind. Aber hey, ich hab ja auch noch nicht gesehen, was so aus der Landesgartenschau geworden ist. Ich lass mich gerne eines Besseren belehren.



Schönheitsideal Schneewittchen

Übrigens schon gewusst, das ich hübscher als Keira Knightley bin? Die Begründung: ich sei bleicher als sie. Ok, ist klar.
In einem Land, das nicht von Bräunungs-, sondern Whiteningcremes beherrscht wird und die Menschen mit Absicht zu helle anstatt zu dunkle Foundation verwenden, bin ich mit meinem „Hautton Frischkäse“ endlich mal im Trend. Die Menschen sind eben komisch: man will immer das, was man nicht hat.
So habe ich oft das Gefühl, besonders nett behandelt zu werden. Nur, weil ich Schwarz Weiß bin!? Weil ich ja auch reich bin, wie alle Weißen?* Vielleicht kann man ja was abstauben. Weil ich Touristin bin, wie alle Weißen?* Man will ja schließlich einen guten Eindruck machen. Oder vielleicht einfach nur, weil die Menschen nett sind, generell, meine ich- kann ja auch sein.
Obwohl ich schon nach den ersten Wochen genug davon hatte und inzwischen nur noch genervt davon bin, wegen meiner Hautfarbe idealisiert zu werden, ist es das Erlebnis auf jeden Fall wert. Und wer weiß, vielleicht wird es mir in Deutschland sogar ein wenig fehlen, aufzufallen. Man will ja schließlich immer das, was man nicht hat.


Gelassenheit

Ob es einfach deshalb ist, weil Busse aufgrund des nicht vorhandenen Zeitplans einfach nie zu spät kommen können oder weil ich mich so wohl fühle in meiner Blase, in dem komplett anderen Leben. In Deutschland muss ich mir Gedanken machen, wie es mit meiner Zukunft weitergeht, was ich studieren möchte, es kommt der nächste Schritt im Leben, den ich bisher immer erfolgreich verdrängt und vor mich hin geschoben habe. Ich will mich nicht entscheiden müssen, in welche Richtung sich der Rest meines Lebens dreht.


Abenteuer

Hast du morgen Zeit? Gut. Hier, nehm 10 Kinder, geh da mit ihnen hin, soll lustig sein. Was es ist, weiß ich selber nicht so genau. Uncle fährt euch, hier ist die Nummer von der Person, die das macht. Viel Spaß. Was mich am Anfang überfordert hat, ist jetzt Gewohnheit und ein fester Bestandteil meines Lebens hier – und ich möchte auch nichtmehr darauf verzichten.
Ob ich nun Janaa als Elternteil-Ersatz zu seiner Einschulung begleite und mich alle mit verwunderten und fragenden Blicken anschauen oder wenn ich als einziger Vertreter meines Projekts plötzlich auf die Bühne muss, um irgendeine Spende entgegen zu nehmen, wonach eine Dankesrede folgen soll - obwohl ich doch keine Ahnung hab, was das alles ist. Schön, das auch noch die Presse inklusive Kameras dabei ist, um alles zu dokumentieren. Unter einem netten Lunch mit Buffet verstehe ich etwas anderes, aber ok.
Glaubt mir, von diesen Geschichten habe ich noch einige mehr zu bieten, es ist schließlich in gewisser Weise Alltag. Ständig wird man spontan in Situationen gesteckt, die man selbst nicht einschätzen kann oder weiß, was zu machen ist. Situationen, die ich in meinem ursprünglichen Leben nie erleben würde.
Im kompletten Gegensatz zu Deutschland wird mein malaiisches Zimmer so gut wie ausschließlich nur zum Schlafen benutzt – für mehr ist schlichtweg keine Zeit, auch am Wochenende. Wie der Tag so schnell verfliegt und was ich so treibe, kann ich komischerweise selbst nicht so recht beantworten. Es ist einfach so. Jedes einzelne Wochenende vergeht unglaublich schnell und wäre eine eigene Geschichte hier im Blog wert. Ich liebe es, Zeit mit Jana, Tom und den anderen Freiwilligen zu verbringen. Die gemeinsamen Wochenenden werden mir definitiv fehlen.
Es ist toll, ständig unterwegs zu sein - so viel Zeit vor dem Bildschirm und im Bett zu verbringen wie „damals“ in Deutschland ist ohne WLAN und Fernseher inzwischen unvorstellbar für mich- und möchte ich auch nicht mehr zurück.


Meine Kinder

Ich habe schon jetzt unfassbar Angst vor dem Tag, meine Kinder das letzte Mal zu sehen und umarmen zu können. Ich kann’s beim besten Willen nicht beschreiben, aber es wird mir das Herz brechen. Ich habe zwar gehofft, zwei Zuhause auf der Welt zu haben – es tatsächlich zu erfahren ist aber etwas ganz anderes und für Menschen, die es noch nie erlebt haben, einfach nicht nachvollziehbar.


Obwohl ich mich auf Deutschland freue, kann ich mir nicht vorstellen, zu gehen und mein Leben in Malaysia und alles was damit zusammenhängt zu verlassen. Ich will hierbleiben und Sister Julia sein. Mich mit den Kindern und den anderen alltäglichen Dingen hier rumärgern, mit ihnen Lachen und Weinen, zwingen aufzustehen und abends ins Bett bringen. Sie aufwachsen sehen und begleiten, ein Teil ihres Lebens sein.

You build a life for 19 years and leave it for 11 months. You build a life for 11 months and leave it forever. Which one is harder?









*aus Angst, das die Ironie nicht klar genug ist: ich bin weder reich noch Touristin in Malaysia.
26. April 2016

#day272: Was ich an Deutschland vermisse

„Wir Herzen sterben vor der Angst bei dem bloßen Gedanken, daß unsere Lieben uns für immer verlassen, daß Momente, die gut hätten sein können, es nicht waren, daß Schätze, die entdeckt werden könnten, für immer im Sand versteckt bleiben. Denn wenn das passiert, dann leiden wir sehr.“
„Dann sag ihm, daß die Angst vorm Leiden schlimmer ist als das eigentliche Leid. Und daß noch kein Herz gelitten hat, als es sich aufmachte, seine Träume zu erfüllen.“


Omis Essen

Es ist faszinierend, was ich nach 9 Monaten Abstinenz für hausgemachte Spätzle mit Sauerbraten geben würde. Weil das natürlich das Non-Plus-Ultra ist, würde es mir auch schon reichen, die Möglichkeit eines Kühlschranks zu haben- an dem ich mich einfach bedienen und mich aufregen kann, das ein gewisser Jemand (ja Bruderherz, du darfst dich angesprochen fühlen) innerhalb eines halben Tages die Milchschnitte weggegessen hat. Ich will in den Rewe fahren, gute deutsche Schokolade einkaufen und sie mir zuhause nicht auf 2 Wochen in kleinsten Bissen aufteilen müssen. Ich will Smoothies machen, neue Rezepte ausprobieren, Nutellabrot frühstücken, ein kalten Glas Milch dazu trinken und mich des Lebens erfreuen. Ach ja, und ich will Käse. Das und Milch sind hier leider unfassbar teuer. Aber am meisten wünsch ich mir immer noch, in Heuholz aus dem Auto zu steigen und den Duft von Sauerbraten zu riechen (Omi, du weißt was zu tun ist, wenn ich wieder deutschen Boden betreten habe)


Langweilige Fernsehabende

Ja, ich habe sie gehasst. Kochsendungen auf ZDF mit schlechten Wortspielen (E-Mehl ist einer meiner Favoriten), bei denen Mama zu meinem Leidwesen sowieso nie etwas davon nachkocht. 20:15 die romantischen Komödien, die eh alle gleich enden und man schon von der ersten Sekunde an weiß, wer sich verlieben wird. Trotzdem vermiss ich’s, zusammen mit der Familie sich auf der Couch zu versammeln und in den Kasten zu schauen. Man macht‘s eben zusammen, und das zählt doch irgendwie.


Frieda

Türe zu, Motor an, Musik lautdrehen und am Ziel ankommen. Es kann so einfach sein. Für alle, die es nicht wissen: Frieda ist mein Auto, mein kleiner Schatz, mein blauer VW Lupo. Ich vermisse es, so mobil zu sein. Klar, ich hab hier Busse, mein Fahrrad und meine Beine, aber Frieda ist mit wunderschönen Blumendecke und ihrer Wackelblume doch irgendwie ein Teil von mir.


Mein Bett

Don’t get me wrong: Ich habe ein Bett hier, mir geht’s gut. Es ist aber dennoch was anderes, im eigenen Bett im eigenen Zimmer zu schlafen. Vor allem, weil es möglich ist, sich in fette Daunenbettwäsche einzukuscheln und man den Platz hat, sich rumzuwälzen.


Schule

Ja, ihr habt richtig gelesen und bitte steinigt mich nicht, wenn ich wieder zurück bin. Ich vermisse Schule und das Gefühl, durch harte Arbeit und Ehrgeiz etwas erreicht zu haben. Die Debatten, Denkanstöße und Aufreger im Unterricht. Und vor allem: mein Gehirn anzustrengen. Obwohl ich die Arbeit mit meinen Kleinen liebe löst jeden Tag 3 Stunden lang das Alphabet, Lesen oder einfachste Matheaufgaben wie 3+5 beizubringen das Gefühl des Wahnsinns bei mir aus – somit bin ich aber auch glücklich, doch nicht alles von 10 Jahren Matheunterricht vergessen zu haben und auch ab und an den größeren Mädels damit behilflich zu sein. Binomische Formeln, wohoo!


Frische Luft

Eigentlich sollte jetzt ein ausführlicher Artikel über Palmöl folgen. Weil Andere, professionellere Menschen das schon tausendfach getan haben, googelts bitte. Die Tatsache, dass Menschen unglaubliche Flächen Regenwald (inklusive Tier- und Pflanzenwelt) verbrennen, um ihre ungünstigen scheißdrecks  Palmölplantagen zu bauen, lässt meinen Glauben an die Menschlichkeit vergessen. Was das mit frischer Luft zu tun hat? Sogenannten Haze, der durch die illegale Brandrodung entsteht. Das gemischt mit den Schadstoffen der vielen Autos und der Gestank der fehlenden Kanalisation gibt mir den Rest.


Jahreszeiten

Seit 9 Monaten bin ich schon nun hier, seit 9 Monaten ist ununterbrochen Sommer. You call it paradies? Glaubt mir, es wird einfach irgendwann langweilig. Es fehlt die Abwechslung – wenn das Laub fällt und der Boden knistert, alle sich über Glatteis und den matschigen Schnee aufregen und dann jeder gut gelaunt ist, wenn’s Frühling wird und die Blumen anfangen zu blühen. Wenn die Menschen im Sommer zum See pilgern und man abends zusammen im Garten grillt. Ja ok, momentan fällt das Laub hier auch, aber nur weil ein Hitzerekord herrscht, das sogar die Einheimischen verzweifeln lässt und die Planzenwelt tötet. Die einzige Abwechslung, die es vielleicht mal gibt, ist Regen (und der hat’s hier echt in sich), aber das war’s auch schon. Es kühlt abends noch nicht mal ab, sodass ich um Mitternacht bei stolzen 30 Grad verzweifelt versuche, einen kühlen Windstoß zu finden.


Familie und Freunde

Ja, nebenbei vermisse ich die Vertrautheit von Familie und Freunden. Das gemeinsame am-Tisch-sitzen und über die alltäglichen Banalitäten des Lebens reden. Die unvergesslichen Abende im L-Torro oder nächtlichen Picknicks am Breitenauer See.
Allerdings vermisse ich Zuhause weniger, als ich am Anfang gedacht hatte. Denn ich weiß: ich werde alle wiedersehen.