Spät in der Nacht sitze ich am Flughafen in Penang, mit Wifi und dem guten alten Big Mac und bin ein wenig aufgeregt: Besuch aus Deutschland. Es ist komisch, aber auch schön, dass sich meine beiden Leben, meine zwei Welten, vermischen.
Es war toll, meinem Arbeitsalltag zu entfliehen und als Tourist für ein paar Tage meine Stadt von einem neuen Blickwinkel aus kennenzulernen. Es hat mir total bewusst gemacht, wie sehr ich mich hier eingelebt habe, auskenne, angepasst hab – und hat mir wieder die Augen für Dinge geöffnet, die ich gar nicht mehr als komisch und fremd empfunden habe. Ich bin es inzwischen gewohnt, die stark befahrenen Straßen todesmutig zu überqueren, meine Getränke in der Plastiktüte zu trinken, die Toiletten überflutet vorzufinden und anschließend kein Klopapier, sondern einen Wasserschlauch zu benutzen. Ich liebe die laute indische Musik, die vielen Menschen und die Gerüche in Little India. Außerdem kenne ich hier nichts anderes außer die schwüle Hitze und bin es dementsprechend gewohnt. Ich mag es, in die dreckigen und gammelig aussehenden „Restaurants“ zu gehen, weil ich weiß, dass es dort das günstigste und beste Essen gibt. Obwohl ich immer noch nicht mit knusprig gebratenen Heuschrecken an Straßenständen dienen konnte, musste ich amüsiert feststellen, dass mein Leben hier doch nicht für jedermann das Wahre ist. Nachdem Penang, inklusive ein kurzer Besuch in meinem Projekt (das leider nicht so war wie sonst, da so gut wie alle Kinder über die großen Schulferien zuhause waren) abgehakt war, ging es auch schon ab nach Thailand, dem Luxus pur für mich. & Achtung, jetzt beginnt eine endlos erscheinende, uninteressante und nervige Schwärmerei.

Besonders im Vergleich zu meinem Alltag war das Frühstück direkt am Meer das absolute Highlight des Urlaubs für mich. Unfassbar gutes und frisch gemachtes Omelette mit Käse und Schinkenfüllung, eine Auswahl der exotischsten Früchte, aber auch Vollkornbrot und Croissant, Käse und Wurst, Salat mit Mais, Paprika und allem Drum und Dran haben es tagtäglich zur Challenge für mich gemacht, die Treppen zurück ins Hotelzimmer zu rollen. Genauer gesagt, ins klimatisierte Hotelzimmer mit einem großen Bett, dicker Matratze, und Bettdecke!
Jaja…sogar über solche Dinge, die in Deutschland noch eine Selbstverständlichkeit für mich waren, kann ich mich inzwischen freuen und richtig wertschätzen. Vielleicht auch etwas, das ich in meinem Freiwilligendienst bis jetzt gelernt habe.

Nachdem man sich erst einmal vom Frühstück erholt hatte, ging‘s zurück zum Strand - und mit Strand meine ich wirklich Strand und nicht die aus Mallorca und Bulgarien bekannten Liegestuhl- Massenanlagen. Nein, denn wir waren in Khao Lak, einer wunderbar ruhigen Gegend ca. 1 Stunde von Phuket entfernt. Keine nervigen Strandverkäufer, keine Wassersport- Angebote. Ja, es gibt sie - die fast unberührten, leeren Traumstrände, die direkt in den Dschungel übergehen – und das trotz Hauptsaison! Im Gegensatz zu Phuket, an den die Menschen pilgern, um sich zu betrinken und anschließend mit einer Prostituierten im Bett zu landen, ist Khao Lak perfekt für Familien und Paare geeignet. Die Menschen kommen, um den Strand und die Natur zu genießen und einfach nur zu entspannen. Obwohl die Entspannung mit der strahlenden Sonne und dem wundervollen Strand alleine schon ohne Probleme gelingt, haben wir dennoch mit einer einstündigen Thaimassage aus dem Hotel nachgeholfen – und es hat sich eindeutig gelohnt. Klar, ich hatte vorher noch nie eine professionelle Massage und
musste durfte bis jetzt immer auf meine Freunde zurückgreifen (danke dafür), aber die freundlichen Damen schienen geboren für diesen Job zu sein.
Sie waren aber fast schon zu freundlich, um ehrlich zu sein. Es ist ja lieb gemeint, aber ich fühle mich schon etwas unwohl, wenn man sich vor mich hinkniet… da habe ich nicht viel geleistet in meinem Leben, um das zu verdienen – und das Hotel zu bezahlen rechtfertigt das dann doch irgendwie nicht.
Nachts letztendlich erschöpft von der Sonne und der Entspannung mit Blick auf das Meer einzuschlafen war traumhaft. Es tat gut, das Kindergeschrei gegen das Meerrauschen einzutauschen. Dennoch muss ich zugeben, dass mein Weihnachten im Paradies ziemlich traurig und voller Heimweh war. Klar, irgendwie schon cool, die Weihnachtsdekoration am Strand. Das Paradies hätte ich aber viel lieber gegen meine Familie eingetauscht. Es war mein erstes Weihnachten ohne sie… heißt das, ich bin jetzt erwachsen? Ist es schon zu weit? Bitte nicht, darauf hab ich nämlich so gar keine Lust. Unfassbar dankbar bin ich dennoch, dass ich meine schwüle Weihnachtszeit nicht alleine verbringen musste. Alles in allem war der Abend recht unspektakulär: ich habe etwas gegessen, dass fast sogar an einen Yufka herankommt, auf dem Balkon gesessen und dem überteuertem Christmas- Galadinner des Hotels für umgerechnet 50 Euro pro Person zugeschaut bzw. gehört und bin durch die Weihnachtslieder sogar ein wenig in besinnliche Stimmung gekommen.
50 Euro pro Person?! Da war mein Essen um einiges günstiger und bestimmt mindestens so gut. Das sind knapp 230 Ringgit, davon kann man schließlich 20 Mal essen gehen. Was das umrechnen angeht, fühle ich mich schon wie knausrige Deutsche, die noch in DM umrechnen.
Ausflüge haben wir bis auf eine Wanderung durch den Nationalpark und eine Fahrt zu einem anderen, besonders weißen Sandstrand
(wow, ich weiß) nicht gemacht. Es gab zwar in der „Stadt“ (man kann es eigentlich nicht so nennen), die ca. 10min Fußweg entfernt lag, an jeder Ecke Ausflugsangebote, wobei aber alle hauptsächlich das gleiche zu bieten haben: eine Bootstour zu den Similan Islands (die inzwischen total überfüllt sein sollen), Tauchkurs (den ich mir nicht leisten kann) und Elefantenreiten, wobei letzteres aufgrund der Tierquälerei sowieso überhaupt gar nicht erst in Frage kommt. So ging die Zeit im Paradies viel zu schnell vorbei, bis es Bye Bye Thailand und Hallo Kuala Lumpur hieß.
 |
| Weihnachtsstimmung auf dem Höhepunkt. |
 |
| Aussicht aus unserem Zimmer |
 |
| von der Liege aus fotografiert... |
 |
| Das hoteleigene Restaurant |
Die Menschen, die mich kennen, wissen, dass Kuala Lumpur (kurz: KL) absolut nicht meine Stadt ist. Sie ist groß, hässlich, überfüllt und dreckig. Nichtsdestotrotz musste man hin, schließlich hat ein Flugzeug darauf gewartet mir meinen Menschen wegzunehmen und nach Deutschland zu bringen. Der Abschied fiel mir, man hätte ja es auch nicht anders erwartet, unfassbar schwer, sodass ich anschließend eine Stunde lang heulend mitten in KL Sentral, dem Hauptpunkt für die öffentlichen Verkehrsmittel, saß und versucht habe, mich zu beruhigen. In einem Land wie Malaysia, in dem es für die Menschen das Wichtigste ist, ihr Gesicht zu wahren, bedeutet das dementsprechend eines: angestarrt zu werden. Aber hey, das bin ich hier inzwischen gewohnt.
Mein nächster Stopp war Singapur, das Timing und die Reiseplanung waren aber schlichtweg dumm, sodass ich ganze 12 Stunden in der Hotellobby verbracht habe, um schließlich um Mitternacht in den Bus nach Singapur zu steigen. Immerhin hatte ich eine bequeme Couch, wundervolle Hotelmitarbeiter, einen PC mit grandiosem und für mich inzwischen total ungewohnt schnellem Internet und nette Gespräche mit den Menschen, die sich ab und zu zu mir gesellt haben.
Die 6-stündige Fahrt im Bus war dafür weitaus weniger angenehm. Der Kombination aus Wattestäbchen und meiner Dummheit hatte ich es zu verdanken, schreckliche Ohrenschmerzen zu haben und auf dem rechten Ohr taub zu sein. Das hat leider trotzdem nicht verhindert, das Non-Stopp Schleimhochziehen meiner Sitznachbarin zu überhören. Dazu kam noch, dass im Bus die Eiszeit herrschte. As always. Obwohl ich mit Schal und dickem Kapuzenpulli gut darauf vorbereitet war, habe ich durchgehend gefroren und dementsprechend so gut wie gar nicht geschlafen. Nicht zu vergessen meine Sorge: die Grenz- bzw. Gepäckkontrollen, weswegen man 2 Mal aus dem Bus aussteigen muss. Menschen, die mich kennen, wissen, dass ich Meister darin bin, mir die schrecklichsten Szenarien vorzustellen. Was, wenn der Bus ohne mich losfährt? Hat man das ganze Gepäck und Reisepass- Tralala geschafft, steht man inmitten rennender und panischer Menschen, die versuchen, ihren Bus zu bekommen. Ja, es gibt tatsächlich Busfahrer, die einfach Passagiere zurücklassen, wenn es ihnen zu lange dauert. Meinen Freunden ist das passiert, ich bin durch die Hilfe vieler netter Menschen zum Glück davon verschont geblieben. Das hätte mir noch gefehlt. Morgens um 7 Uhr völlig übermüdet in Singapur angekommen, habe ich es dann tatsächlich sogar ohne Internet geschafft, den Weg zu meinem bzw. unserem Hostel zu finden, um mich in der nächsten Lobby auf die Couch zu legen und zu schlafen, bis in ein paar Stunden meine Mitfreiwilligen auch angekommen sind und mich geweckt haben. An dieser Stelle bitte einen kleinen Applaus für mich.
Singapur war verrückt. Besonders ich als Dorfkind habe mich gefühlt, als wär ich Marty McFly und bin in der Zukunft gelandet. Riesige Wolkenkratzer, überall neue, vor allem technologische Sachen, von denen ich noch nicht einmal wusste, dass sie existieren bzw. bereits erfunden wurden. Ein selbstspielendes Klavier? Warum nicht. Ein Fluss in der Luxusmall, auf der man mit einem Boot fahren kann? Kann man machen - und die Singaporeaner (?) können es. Sowieso hatte ich das Gefühl, das Singapur um jeden Preis Perfektionismus ausstrahlen will. Der Schein der perfekten Gesellschaft, des perfekten Systems. Zusammengefasst: Das Capitol aus Tribute von Panem in Real Life. Alles, wirklich alles in dieser Stadt ist strengstens kontrolliert, organisiert, überwacht, beschildert, mit System und vor allem eines: teuer. Einerseits sind da die unverschämt hohen Geldstrafen für… nun ja, so ziemlich alles. Vom Trinken in der U-Bahn bis zum Kaugummi kauen ist alles dabei. Damit auch niemand davon kommt, ist es ja selbstverständlich, überall Überwachungskameras zu haben, die jeden Winkel genauestens im Blick haben. Andererseits ist das Leben allgemein sowie die Touri- Sachen, die es abzuklappern gilt, vor allem im Vergleich zu Malaysia unverschämt teuer und luxuriös. Das Little India der Stadt wirkte so, als wäre es als Teil eines Freizeitparks errichtet worden. Es reiht sich Mall an Mall, alle gefüllt mit unzähligen High-Class-Boutiquen, die sich natürlich andauernd wiederholen. Sogar das Krankenhaus, das ich wegen meiner Ohrenschmerzen aufgesucht habe, war wie ein 5 Sterne Luxushotel.
Obwohl shoppen gehen unter diesen Umständen etwas problematisch war, hatte ich trotzdem meinen Spaß und bin mehr oder weniger frisch mit Jogginghose und dreckigem Shirt durchspaziert. Anti- Mainstream und so. Außerdem gibt es sogar in Singapur (noch) keine Strafe für Hässlichkeit… glaube ich zumindest. Es war interessant, das alles einmal gesehen zu haben, leben könnte ich dort niemals. Mir wurde bewusst, das ich in so eine Welt einfach nicht gehöre. Klar, Singapur ist die sauberste und sicherste Stadt der Welt, dafür zahlt sie aber meiner Meinung nach einen zu hohen Preis: die Freiheit. Unser Dauergeck (der bitte auf keinen Fall ernst genommen werden soll) „Scheiß drauf, wir sind Weiß, wir dürfen das!“ wurde in Singapur von der ständigen Angst, ausversehen irgendetwas Verbotenes zu tun und zur Folge dessen auf ewig verschuldet zu sein, ausgetauscht.
Okay ich habe einen Hang zur Übertreibung, aber ihr wisst schon, was ich meine.
Für einen kurzen Trip, um es mal gesehen zu haben und dort gewesen zu sein, hat es sich auf jeden Fall gelohnt, obwohl wir schon zu viele Tage da waren. Zu sehen gibt es nämlich hauptsächlich eines: Hochhäuser.
 |
| Skyline Singapurs, während ich auf dem berühmten Marina Bay Hotel stehe. |
 |
| Gardens By The Bay |
Es war komisch, nachts total erschöpft von der Reise in mein Zimmer zu gehen und sich Zuhause zu fühlen. Nun ja, nicht mein „Daheim“ in Deutschland, irgendwie anders- aber trotzdem Zuhause. Verrückt, wie so vieles in diesem Jahr.
Ach ja, übrigens:
Niemals hätte ich gedacht, dass ich so etwas sagen würde, aber genießt den Winter. Der Dauersommer nervt, ich brauche Abwechslung und will mal etwas anderes tragen außer ein weißes bzw. schwarzes T-Shirt mit Schlabberhose. Hat man dann das, was man sich schon immer wünscht, ist es langweilig. Manchmal hasse ich uns Menschen dafür, wie wir ticken.
Bitte passt gut auf euch auf und verändert nichts, damit auch alles schön beim Alten bleibt wenn ich wieder zurück bin. Ich denke an euch und will versuchen, mich hier öfters zu melden – obwohl ich natürlich nichts versprechen kann.
Grüße ins Land der Dichter und Denker,
eure Julia